Haaach – bevor du weiterliest: Ich stehe beim Thema Lampenfieber ├╝berwinden sowas von am Anfang! Hier wartet also kein h├Âchstprofessioneller Blogartikel auf dich wie du vor tausenden Menschen singst oder sprichst, sondern einer von jemand, die seeehr genau wei├č wie es ist bereits vor einer Person schlotternde Knie, ein trockenen Hals und zitternde Finger zu bekommen. Hier also meine Liste mit Dingen, die mir besonders helfen, wenn es doch mal darum geht vor Menschen zu spielen.

Nummer 1 – Das Gehirn funktioniert halt so

Wir Menschen sind Herdentiere. Biologisch und evolution├Ąr sind wir darauf veranlagt von der Herde und Gruppe akzeptiert zu werden. In Bezug auf Vorsingen und Lampenfieber hilft es mir daran zu denken, dass gerade „nur“ mein evolutionsgepr├Ągter K├Ârper aufgeregt ist. Er versteht rational nicht, dass es ziemlich jucke wie Hose ist, wenn niemand meinen Gesang m├Âgen w├╝rde, weil wir es ├╝berleben w├╝rde.

Mein (wie ich ihn auch gerne nenne) „Steinzeitk├Ârper“ verkn├╝pft einfach nur Anerkennung mit ├ťberleben.

Allein, dass ich mir zugestehe, dass mein K├Ârper aus einem berechtigtem Grund aufgeregt ist, entspannt mich schon. Toptipp von meiner Freundin (und Psychologin) Julia an dieser Stelle: „Die Art wie du deine K├Ârperempfindung betitelst kann einen Unterschied im Umgang mit ihr machen. In einer Studie konnte man herausfinden, dass wenn man die Aufregung als Angst und Panik betitelt dies die Leistung schw├Ąchen kann. Sagt man sich es ist Aktivierung und Erregung, kann dies die Leistung sogar steigern.“ Also doch wie in der Steinzeit, wo man aufgeregt besonders gut k├Ąmpfen konnte – der Ausnahmezustand kann also auch n├╝tzlich sein.

Nummer 2 – Routine und Training geben Struktur

Was mir beim Vorsingen schon aufgefallen ist und was eigentlich ganz simple ist: Bei Liedern, bei denen ich selber noch unsicher bin, wird es mit Publikum nicht leichter. Und auch ein Bekannter, der Musiker ist und mit mir meine Lieder aus Songwriting-Sicht mal durchgegangen ist meinte:

„W├Ąhle Lieder, die sitzen, die dich nicht unn├Âtig fordern oder beim Proben schon ├╝berfordern. Nimm etwas was sitzt und womit du dich sicher f├╝hlst.“

Macht so Sinn, oder? Daher das Motto „Lieber ein leichtes Lied mit einem sicheren Gef├╝hl vortragen, wie eins zu w├Ąhlen, dass einen in der Probe schon aufregt und an die eigenen Grenzen bringt.“ Und verstehe mich nicht falsch – ab und an die eigenen Grenzen zu ├╝berschreiten ist wichtig, um sich weiterzuentwickeln oder seine F├Ąhigkeiten auszubauen. Aber das sollte freiwillig in einem sicheren Raum (z.B. zuhause oder im Gesangsunterricht) geschehen und nicht wenn du eh schon out-ot-the-comfort-zone vor anderen spielst.

Nummer 3 – Gef├╝hle Ernst nehmen und ihnen bewusst Raum geben

Die vordergr├╝ndigen Gef├╝hle, die ich benennen kann sind Angst und Scham. „Was wenn jemand meine Musik nicht mag?“, „Was wenn ich zu viel/ zu laut/ zu schr├Ąg bin?“ Tja, ich k├Ânnte Karussell damit fahren. Aaaaber was mir aufgefallen ist – es kommt gar nicht darauf an was wirklich geschieht, sondern wie ich mit meinen Gef├╝hlen umgehe.

„Yep, kann sein dass es nicht alle m├Âgen – das wird sogar sehr sicher geschehen! Ich mag ja auch nicht jede Musik.“

Ich versuche diese Gef├╝hle bewusst zu sp├╝ren und einzuordnen, sie auch manchmal zu visualisieren, mit ihnen zu tanzen, sie aufzuschreiben – ihnen bewusst Raum zu geben. Aber – und hier kommt ein wichtiger Punkt – ich entscheide wann und wie. Bei meinem letzten Wohnzimmerkonzert habe ich eine halbe Stunde vor Beginn in mich hineingesp├╝rt und gemerkt „Ahja, ich hab mega Lust auf das Konzert UND da ist auch ein Gef├╝hl von Scham und dass ich mich am liebsten verstecken w├╝rde.“ Ich hab dieses Gef├╝hl dann ins Schlafzimmer gebracht, es in mein Bett gelegt und gesagt

„Alles gut, du darfst dich hier verstecken. Ich kann das alleine machen und du bist hier sicher. Ich hole dich nachher wieder ab. Brauchst du noch was von mir?“

Das klingt vielleicht ein bisschen schr├Ąg so mit meinen Gef├╝hlen umzugehen und hier geht es auch (ganz wichtig!) nicht um wegdr├╝cken oder Gef├╝hle ignorieren. Sondern mit ihnen zu agieren und ihnen das zu geben, was sie brauchen. Wenn die Scham gewollt h├Ątte, dass sie dabei ist, h├Ątte sie mit auf dem Sofa sitzen k├Ânnen. Es soll nur ein praktisches Beispiel von etwas sein, was f├╝r mich gut funktioniert hat und mir das Gef├╝hl gegeben hat, dass ich mit mir durch das Lampenfieber gehe statt mich durch zu zwingen.

Als ich nach den Wohnzimmerkonzert die Scham wieder eingesammelt habe ­čÖé

Nummer 4 – Sicherheit und mein safe space

Im Gesangsunterricht habe ich einen sehr sch├Ânen Tipp bekommen: „Stell dir vor du hast einen Kreis um dich, der nur f├╝r dich ist. Hier kann nichts von au├čen reinkommen und dir schaden“ Ich bin schon fr├╝her mit solchen „safe spaces“ in Ber├╝hrung gekommen, haupts├Ąchlich in meinem Psychologiestudium. Es ist ein g├Ąngiges Therapieverfahren sich einen sicheren Ort bei intensiven Gef├╝hlen vorzustellen – warum also auch nicht f├╝r Lampenfieber nutzen? Auch hier der Edit – es geht nicht darum die intensive Gef├╝hle wegzumachen, sondern ihnen bewusst einen Raum zu geben, wo sie Platz nehmen d├╝rfen.

„Es geht nicht mehr darum auszuhalten. Sondern die Aufregung mit dem Safe Space zu halten.“

Neben dem Kreis um mich, habe ich einige Erinnerungen, in denen ich mich sicher gef├╝hlt habe. An diese denke ich immer bevor es f├╝r mich darum geht vor jemandem zu singen. Ich mach dann einen kurzen Check nach innen, verbinde mich mit dem Moment, den Menschen, den Ort und den Gegenst├Ąnden, die ich damit verkn├╝pfe und bringe mich sozusagen an den „safe space“. Mein neuster Tipp aus dieser Rubrik ist „Ger├╝che“. Lavendel verbinde ich mit einem sehr sicheren Ort, daher hilft es mir ein Fl├Ąschchen davon in meiner N├Ąhe zu wissen ­čÖé Mehr zu sicheren R├Ąumen gibt es in diesem Blogartikel. ­čÖé

Nummer 5 – Was treibt mich an?

In so vielen Lebensbereichen und Erfahrungen habe ich immer wieder gemerkt, dass es f├╝r mich nicht darum gehen kann wie hoch die H├╝rden sind, die auf dem Weg liegen, sondern

„Wie hoch ist mein Antrieb, meine Kraft? Warum m├Âchte ich das machen?“

Einfache Rechnung. Wenn mein Lampenfieber 99 ist, meine Lust meine Musik zu teilen und anderen eine sch├Âne Zeit zu bereiten aber bei 100 liegt, ist mein Antrieb eben um 1 st├Ąrker. Es ist dann immer noch nicht egal wie gro├č das Lampenfieber, die Angst, Scham und was auch immer ist. Aber es wird nebens├Ąchlicher wenn ich wei├č wof├╝r ich es tue und diese Sache im besten Fall einen h├Âheren Stellenwert von mir bekommt. Daher: „Fokus!“ Ich versuche mich daran zu erinnern was ich schon alles geschafft habe und dass das Lampenfieber niemals komplett weggehen wird. Nur meine Komfortzone dehnt sich. Irgendwie habe ich auch das Gef├╝hl, dass ich mich ein St├╝ck weit ans Lampenfieber gew├Âhnen kann. Dann ist es immer noch nicht super angenehm, aber ich wei├č, dass ich es schaffen kann. Eine Freundin und ich hatten einmal das Bild davon, dass es wie eine Art Komfortzone ist, die sich ausdehnt. Immer wenn es darum geht, etwas neues auszuprobieren, wird es wieder aufregend und vielleicht auch etwas unbequem. Aber durch h├Ąufigeres tun, ist es eben nicht mehr „neu“ und die Grenze zum „aufgeregt werden“ dehnt sich weiter um einen aus.