Hachja, wo soll ich anfangen? 🙂 In diesem Artikel möchte ich mit dir über sichere Räume sprechen – wo ich sie selber kennenlernte und warum ich sie versuche selber in die Welt zu tragen. Und kleine Vorwarnung – es wird etwas länger werden, weil ich LIEBE die Thematik der sicheren Räume! Mit ihnen werde ich wohl am intensivsten in Bezug auf meine Musik konfrontiert. Ich spüre da ist ein so großer Wunsche meine Musik mit der Welt zu teilen, doch auch ein Heiden Respekt und etwas Angst davor wie diese ankommt. Auch wenn ich als Musikerin auch Musik ohne Publikum mache, ist es glaube ich ganz normal irgendwann an den Punkt zu kommen es der Welt zeigen zu wollen. Und genau dafür sind sichere Räume super 🙂

Was sind sichere Räume und wozu sind sie gut?

Sichere Räume sind nach meiner Definition Räume, in denen du dich wertfrei voller Wertschätzung ausprobieren und zeigen kannst, um positive Erfahrungen zu sammeln, um dich selbst zu stärken. Wenn du wie ich eine kleine unsichere Biene bist, sobald es darum geht Dinge, die dir wichtig sind zu teilen, dann fehlen häufig positive Erfahrungen und Momente, in denen wertvoll mit den Dingen umgegangen wurde, die man teilt. (Achtung Küchenpsychologin am Start). Fängt schon in der Schule an, wenn man dir erklärt wie man richtig schreibt, rechnet, malt und bei “Fehlern” mit einer schlechteren Note nachhause geschickt wird (darf ich an dieser Stelle einmal kurz anbringen wie krank das Schulsystem aus entwicklungspsychologischer Sicht ist?).

Sichere Räume beinhalten meiner Meinung nach:

  • Zeit – der “Sichere-Raum-Geber” hört gerne zu und nimmt sich bewusst Zeit für dich und was du zu teilen hast.
  • Wertschätzung – unabhängig von der Leistung. Was zählt ist der Mut dich zu zeigen und das wird fett anerkannt!
  • Respekt – die Tätigkeit und deine damit verbundenen Gefühle stehen im Vordergrund. Auch Angst und Lampenfieber wird respektvoll begegnet und nicht versucht dir auszureden (by the way – hier ein Blogartikel zum Thema Lampenfieber)
  • Leichtigkeit – ob es in meinem Fall ein schiefer Ton oder ein falsche Akkord ist. Im sicheren Raum wird geschmunzelt und einfach weitergemacht und “Fehler” nicht auf die Goldwaage gelegt.

Sichere Räume aus psychologischer Sicht

Jetzt geht’s los Leute – packt die Statistik-Bücher aus… Scherz am Rande – mein Studium hat mir wohl zu sehr zugesetzt. Vielleicht kennst du es, bei Anspannung nicht das Gleiche tun zu können wie in einem entspannten Zustand, sei es bei einer Klausur deine eigentliche Leistung abzurufen oder bei einem Streit fair zu argumentieren. Das liegt an (Achtung – ich erkläre es seeeeehr einfach) unserem Nervensystem.

Einfach gesagt ist unser Nervensystem für zwei Dinge da:

1. Uns zu aktivieren und Energie zu mobilisieren (für Bewegung bspw.)

2. Uns zu entspannen und Ruhe einkehren zu lassen (um z.B. zu schlafen)

Unser Nervensystem verbindet einfach gesagt unser Gehirn und unseren Körper. Manchmal lösen deshalb Gedanken ein unruhiges Gefühl aus (wenn man im Dunkeln heimläuft und denkt, da könnte hinter der nächsten Ecke jemand gruseliges warten = unruhiges Gefühl). Und das Gleiche geht andersherum, also dass Körperempfindungen Gedanken auslösen (bei einem unguten Gefühl überlegt man woran es liegen könnte und sucht nach dem Grund – die Körperempfindung bringt uns also zum Nachdenken).

Wenn unser Nervensystem aktiviert ist, macht es sich auf die Suche nach potenziellen Gefahren und nach Möglichkeiten sich zu verteidigen. Und weil wir Menschen Herdentiere sind, kann ein Nervensystem sich auch dann schon aktivieren, wenn es um soziale Zugehörigkeit geht. Gerade beim Vorsingen geht es bei meiner Aufregung also nicht um den falschen Ton, sondern darum, dass sich Menschen abwenden könnten. Auch wenn ich es überleben würde, mein (wie ich ihn liebevoll nenne) Steinzeitkörper hat noch nicht verstanden, dass ich nicht in Lebensgefahr bin, wenn jemand meine Musik nicht mag. In der Steinzeit wär die Überlebenschance sehr viel geringer gewesen, wenn ich alleine gewesen wäre.

Und das heißt praktisch jetzt was? – 3 Beispiele

Ganz einfach – das Nervensystem braucht die Erfahrung, wo es nicht um “Bewertung” sondern um “da sein” geht. Sobald ich ein paar mal die Erfahrung gemacht habe, dass Menschen bewusst, wertfrei und anfeuernd bei mir und meiner Musik bleiben, fiel mir die Vorstellung, dass sie jemand richtig blöd finden könnte deutlich leichter. Um das ein bisschen zu verdeutlichen hier drei Erfahrungen zu sicheren Räumen aus meinem Leben 🙂

#1 Hamburger Altbauwohnung mit Anastasia (un-)sicher gemacht

Die bezaubernde Anastasia war eine der ersten Menschen, die mir für meine Musik ein wahrlich sicheren Raum geschenkt haben. Ich wusste sie schreibt gerne Gedichte, sie wusste ich mach gerne Musik. Und wir haben uns irgendwie gegenseitig dabei unterstützt mehr in unsere Leidenschaft hineinzuwachsen. Ich weiß es war ein Winterabend, als wir in meinem WG-Zimmer mit Dielenboden und hohen Decken saßen und ich ihr das erste Mal ein Lied vorgespielt habe. Und es war absolut nichts wertendes im Raum, nur ganz viel Präsenz, Liebe und Aufmerksamkeit. Ich wusste ihr geht es nicht um meine Leistung, sondern um mich und das ich mich wohlfühle bei dem was ich tue.

War ich aufgeregt? – Mega! Hab ich’s trotzdem gemacht? – Ja! War es sehr schlimm? – Nein. Eigentlich nur ein bisschen kribbelig. 🙂

# 2 Mut ist Angst plus ein Schritt bei Mischa und Nicole

Alles fing wohl damit an als ich im Frühjahr zu Besuch bei Mischa und seiner zauberhaften Frau Nicole war. Mischa, den ich auch gerne den professionellen Mutmacher nenne, hat sein letztes Buch “Mut ist Angst plus ein Schritt” genannt. Wie passend! Ich wollte eigentlich nur mal rauskommen und etwas frische Luft zwischen Uni und dem trüben Winter schnuppern. Meine Gitarre Herr Taylor habe ich natürlich mitgenommen und die Beiden haben mich gefragt, ob ich ihnen etwas vorspielen möchte.

Natürlich wollte ich, auch wenn es mich ganz schön Mut gekostet hat. Aber Mut ist ja bekanntlich Angst plus ein Schritt und ich wusste die Beiden sind der Inbegriff sicherer Räume.

Deshalb habe ich ihnen ein selbstgeschriebenes Lied vorgespielt: “Der Liebesdoktor” oder auch “Die Müllers bei der Beziehungstherapie“. Und was das alles ins Rollen gebracht hat (by the way, ich glaub diese Seite hier würde es ohne diesen Besuch nicht geben). Ein paar Wochen später lud mich Mischa nämlich prompt in seine Sendung “Mensch Mischa” ein, wo ich das erste Mal online live vor ganzen zauberhaften Menschen meine Lieder spielen und einen weiteren sicheren Raum erfahren durfte. Neben meinen Liedern habe ich Mischa passend zu seinem Geburtstag ein Ständchen geschrieben und ihn damit noch überrascht. Da kam mir das erste Mal die Idee anzubieten Lieder zu verschenken! 🙂 (magst du’s anhören? Hier lang!). Sichere Räume bieten also nicht nur Raum sich zu zeigen, sondern helfen auch auf schöne neue Ideen zu kommen.

Mit einem Klick auf das Bild kommst du zur Aufzeichnung des Abends bei Telegram 🙂

#3 Seesupport von Michelle

Mit Michelle habe ich mich mit Gitarre Herr Taylor an einen See gewagt. Abgesehen davon, dass sie die erste Person war, die ganz viele Texte schon mitsingen konnte (ich war ganz gerührt!), durfte ich diesmal sogar im Freien und um andere Menschen herum einen sicheren Raum erfahren. Wir saßen auf ‘ner Picknickdecke, haben uns die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und einfach den Moment genossen, fern vom Alltagstrubel. Was besonders schön war, war zu spüren wie anders die Akustik draußen ist – im Freien zu singen und Gitarre zu spielen ist so anders wie in einem geschlossenen Raum. FREIHEIHT! Und dass ich auch innerlich durch die sicheren Räume immer freier werde – das merke ich. Da sind so viele Leute an uns vorbei spaziert, aber mit besagter Freundin an meiner Seite konnte ich abschalten und einfach alles rausträllern. Auf dem Weg zum Bahnhof zurück schaute mich ein Mann an und sagte “Das war schön!” und das hat mich so zum Lächeln gebracht. Kein Gefühl von verstecken müssen in diesem Moment. Ein herzliches “Danke” und freudiges Lachen war meine Antwort.

Und das Schönste an der ganzen Sache!

Wie in meinem Blogartikel zu Lampenfieber beschrieben, kannst du sichere Räume auch in dir selbst kultivieren. Dafür braucht es nicht sofort eine Gruppe an Menschen, die dir zuhören (ich hab ungefähr 5 Jahre allein in meinem Zimmer geübt). Das Schöne nach meiner Erfahrung ist, dass sich die sicheren Räume ganz natürlich ausbreiten. Egal ob du sie dir selber schaffst, anderen schenkst oder durch andere geschenkt bekommst – sie helfen sicherer zu werden und zu sich zu stehen. Und dieses Grundgefühl nimmt man irgendwie mit ins Leben. In meinem Leben hat es sich richtig automatisiert immer öfters an sicherere Räume zu kommen nachdem ich mich so intensiv mit ihnen beschäftigt und mich immer wieder mit den Situationen verbunden habe, die mir so geholfen haben. Deshalb wünsche ich dir – sichere Räume! Dass du dir selber und anderen wertschätzend und respektvoll begegnest – es ist ein so schönes Gefühl! 🙂