Dies ist eine kleine Geschichte, die dir erzählt, was ich übers Akzeptieren & Loslassen gelernt habe. Du kannst sie hier lesen und in diesem Video lese ich sie dir zusätzlich vor – vielleicht ja passend als Gute Nacht Geschichte? 🙂

Das Leben als Berg-& Tal-Fahrt


Als Kind lebte ich in der Talstraße in einem Haus mit Garten, das am Berg gebaut war. Dass das Zusammenspiel von Berg-und-Tal meines damaligen Zuhauses eine bedeutsame Metapher für mein Leben werden würde, konnte ich mir damals nicht vorstellen. Als Kind wusste ich wahrscheinlich nicht einmal was Metaphern überhaupt waren und genoss die Talstraße mit Berg im Garten eher als Schlittenbahn, statt als literarischen Vergleich des Lebens. Ach wie gerne ich der Kleinen sagen würde, wie recht sie doch hatte aus dem Abstieg einfach ‘ne spaßige Abfahrt zu machen und wie näher sie damit an der Kunst des Lebens dran war als es mir ein wissenschaftliches Buch je hätte beibringen können.

In diesem Zuhause gab es ganz viel Phasen wo der Schlitten plötzlich in der Ecke stand. Das waren Zeiten in denen ich mich in Tälern befand. Täler fühlten sich für mich eng an, der Weitblick und die klare Sicht fehlten. Situationen im Leben ploppten auf mit denen ich erst einmal lernen musste umzugehen. Aber wer nimmt sich heute schon die Zeit sich in Ruhe mit seinem Leben und Bedürfnissen auseinanderzusetzen, eine Bestandsaufnahme zu machen und zu schauen was einem wirklich guttut?

Ich tat es nicht. Im Gegenteil.

Entweder wartete ich oder versuchte mit viel Anstrengung, dass das Leben irgendwann wieder bergauf ging. Denn ich dachte Täler und Tiefs zu haben wäre falsch. Ich glaubte schneller laufen, höher klettern oder am besten mich selbst einfach grundlegend von Kopf bis Fuß ändern zu müssen. Eigentlich waren es gar nicht die Täler des Lebens, die es so schwer gemacht haben, sondern, dass ich nie gelernt habe die Täler des Lebens zu schätzen. Dass ich das Leben nicht als Berg-und-Tal-Fahrt anerkennen konnte, sondern mich nur auf die Berge fokussiert habe. Und je mehr ich die Täler vermeiden wollte, desto präsenter wurden sie. Denn selbst wenn es wieder aufwärts ging, blieb da ständig die Angst vor dem nächsten Abstieg. Hatte ich ein Tal also verlassen, blieb es in meinen Gedanken trotzdem stets bei mir.

Jeder Schritt gehört zum Weg

Das Tal und der Gipfel sind aber eigentlich nur zwei Punkte auf dem Weg. Warum sollte das Tal schlechter sein als die Aussicht auf dem Berg und warum sollte nur ein Schritt auf dieser Route überhaupt weniger bedeutsam sein als der Andere? Die Summe aus ihnen macht es doch erst möglich Distanzen zu überwinden. Würde ich meinem Jüngeren Ich eine Sache raten, dann wäre es daher genau das: Jeden Moment aufzusaugen und ihn als das zu nehmen was er ist – egal ob ich mich dabei ganz unten, auf dem Weg nach oben, auf dem Berg stehend oder auf dem Abstieg befinde.

Denn die Berg-und-Tal-Fahrt macht doch genau das: Sie bringt Bewegung ins Leben. Wir gewinnen Geschwindigkeit bei der Fahrt nach unten ins Tal, auch wenn wir das im Moment selbst oft nicht sehen können, weil wir viel zu oft der schönen Aussicht von damals hinterhertrauern. Und wir wissen alle wie anstrengend es dann sein kann neue Berge zu wählen, sie überhaupt in Erwägung zu ziehen und loszugehen. Berge zu besteigen kann so mühsam sein. Aber ist nicht genau deswegen die Aussicht so schön, weil sie so viel von uns fordert und uns zeigt, was da eigentlich an Kreativität, Weisheit und Selbstwirksamkeit in uns steckt?

Die Idee von Akzeptieren ist mir zu abstrakt

Berge und Täler – sie sind einfach nur. Sie erinnern uns an die Theorie: „Nehme, wie es ist. Dich, die anderen, das Leben. Lass los, was nicht geändert werden kann.“ Hach – klingt immer so einfach die Dinge einfach anzunehmen, nicht wahr? Für die Praxis finde ich‘s persönlich ja auch viel zu abstrakt. Ich bin daher die Letzte, die dir auf Teufel komm raus um die Ohren klatschen mag einfach alles nebenbei mal loszulassen. In meiner persönlichen Erfahrung war es sogar eher schädlich das von mir zu erwarten, wenn es doch Dinge gab, die einfach erst einmal verstanden und verarbeitet werden wollten. Daher teile ich an dieser Stelle lieber mal meine drei Favoriten mit dir, die mich beim Akzeptieren der Berg-und-Tal-Fahrt und beim Loslassen auch in der Praxis unterstützen.

Nummer 1: Loslassen kann ich nicht erzwingen.

Was unglaublich hilfreich für mich war, war mir den Gedanken zu erlauben, dass Loslassen und Akzeptieren nichts ist, was ich aktiv tun kann (natürlich kann man sich’s einreden alles zu akzeptieren oder loszulassen – hatte bei mir leider nicht wirklich ‘ne Wirkung). Das Leben zu akzeptieren und die Vorstellung loszulassen, wie es hätte sein sollen, ist meiner Meinung nach eher ein Endprodukt, was automatisch geschieht, wenn man sich mit seinen Gefühlen einfach sein lässt und keinen fixen Termin dafür im Blick hat, bis wann es abgeschlossen sein muss. Das klingt vielleicht erst einmal ernüchternd oder so als ob man keinen Einfluss darauf hätte, aber für mich ist genau diese Erlaubnis nicht irgendwo anders sein zu müssen sehr entspannend und bestärkend gewesen. Denn sie ermöglicht etwas sehr Wichtiges und damit komme ich zu Punkt 2.

Nummer 2: Sich Raum im Chaos nehmen!

Warum wollen wir Dinge eigentlich loslassen und akzeptieren? Viel zu oft bestimmt nur, weil wir die damit verbundenen Gefühle nicht so toll finden. Als ich meine Energie nicht mehr so sehr in das Abschließen einer Sache gesteckt habe, sondern mir bewusst gesagt habe „Okay, dann ist das jetzt so, vielleicht wird es immer so sein und – jetzt kommt der entscheidende Punkt – Was würde mir denn jetzt bzw. heute guttun?“. Diese letzte Frage ist so kraftvoll, weil sie für mich gelebte Akzeptanz verkörpert. Sie bringt mich ins Hier & Jetzt zurück – wo ich wirklich etwas für mich, andere und mein Leben tun kann. Praktische Idee an dieser Stelle: Die Frage einfach auf ein Post-It schreiben und an einen präsenten Ort hängen (ich kann die Toilette empfehlen, da ist man eh täglich und dort hat man sonst nichts zu tun).

Nummer 3: Ich weiß gar nichts.

Und wenn wirklich gar nichts mehr geht auf der Berg-und-Tal-Fahrt ist mein SOS-Kit der wunderschöne Gedanke, dass ich gar nichts weiß und dass auch gut so ist. Dass mein süßes kleines Gehirn einfach gar nicht erfassen kann, was der große Plan ist und mit welchen Tälern ich irgendwann anderen und mir selber vielleicht auch dienen kann. Zusammengefasst kann ich mir also sagen: „Ja, ich habe wirklich gar nichts in der Hand außer hier, jetzt und heute mit meinen bisherigen Fähigkeiten, Erfahrungen und anhand meines persönlichen Zustands zu entscheiden, wie ich mit dem umgehe, was das Leben mir präsentiert. Und mir dabei bewusst zu werden, dass ich wie ein Kind überall Wunder entdecken und Spaß haben kann – ob mit dem Schlitten den Berg hinab oder anderweitig kann ich ja jeden Tag neu entschieden.“