Heute wollen wir wieder die Frage klären: Warum kann es so schön sein der eigenen Geschichte eine Stimme zu geben, indem wir ein Lied daraus schreiben? Wie auch im ersten Teil zum Thema zeitlicher Rahmen möchte ich dir keine Ratschläge geben, sondern dir einfach und herzlich die (psychologischen) Dinge näherbringen, die ich mir selber aus meiner persönlichen Erfahrungen und dem Studium zusammengewurschtelt habe.

Station 2: Der sichere Spiegel

Heute steigen wir an der Station des sicheren Spiegels aus, um in die Themen Sicherheit & gespiegelt werden einzutauchen. Erst einmal wieder ein kleiner Ausflug in die Psychologie, bevor ich das Phänomen dann auf das Lieder schreiben übertrage.

Was hat ein Spiegel mit der eigenen Wahrnehmung zu tun?

Wenn wir in einen Spiegel schauen, dann sehen wir – richtig – uns selbst! Meistens schauen wir ja in den Spiegel, um zu checken ob die Frisur noch sitzt, die Wimperntusche schon verschmiert ist oder um uns über den neusten Pickel aufzuregen. Manchmal auch, um uns herzlich zuzulächeln. Der Spiegel ist aber vor allem auch ein Tool, um zu erkennen: Das bin ich – ein eigenes Wesen, das über den Körper hinaus über die Mimik bis hin zum Charakter einzigartig ist. Babys können sich übrigens nicht von klein auf als eigenes Individuum im Spiegel erkennen. Mit etwas 2 Jahren verstehen die meisten Kinder erst, dass das im Spiegel sie selber sind. Auch bei Katzen kann man das Phänomen erkennen, indem sie sich vor ihrem Spiegelbild eher erschrecken oder zum Angriff bereit ihr Spiegelbild anfauchen. Durch einen Spiegeln lernen wir wahrzunehmen, dass wir ein Individuum sind und uns dank des Spiegelbilds (achtung mitschreiben) einordnen können.

Schokoladen-Spiegel im Supermarkt

Neben dieser physischen Komponente á la „Ich schau in den Spiegel und erkenne mich“ hat „Spiegeln“ eine weitere Superpower. Und die findet sich in der Emotionsregulation. Im besten Fall lernen wir als Kinder Emotionen zu regulieren, indem wir erklärt bekommen was wir da eigentlich den lieben langen Tag fühlen und wie wir diese für uns nutzen können. Ich meine es kommt recht selten vor, dass sich Erwachsenen wie Kleinkinder auf den Boden eines Supermarktes werfen, weil ihre Liebelingsschokolade ausverkauft ist. Das liegt daran, dass der Erwachsene es einordnen kann: „Achja… Schokolade ist ausverkauft. Dann komme ich das nächstes Mal wieder. Hab heute noch so vieles anderes zu tun.“ Es ist kein Weltuntergang für einen erwachsenen Menschen. Für ein Kind ist es aber gefühlt das Ende der Welt, wenn es seine Schokolade nicht bekommt. Ein Kind lebt ja sowas von im Hier & Jetzt. Da sind keine anderen Verpflichtungen im Kopf, wenn es vor dem Schokoladenregal im Supermarkt steht. Für das Kind macht es Sinn zu sagen „Ich hab Lust auf Schokolade. Da ist Schokolade. Mama. Papa. Kauft mir Schokolade.“

Emotionsregulation

Wenn Mama und Papa dann aber „Nein“ sagen, weil noch genug Schokolade zuhause ist, kann ein kleines Kind das rational noch nicht einordnen. Wut und lautes Weinen sind meistens die Folge. Einem Kind kann es dann helfen einen klaren aber mitfühlenden Spiegel zu bekommen. „Ich verstehe, dass du wütend bist und dass sich das brodelnd anfühlt. Wir haben aber noch 4 Tafeln Schokolade zuhause und deswegen wollen Mama und Papa nicht noch meh kaufen.“ Mit der Zeit lernt das Kind „Aha dieses Gefühl was sich so brodelnd anfühlt, nennt man Wut und es kommt immer dann, wenn etwas nicht so läuft wie ich es gerne hätte.“ Durch den Spiegel lernt das Kind sich selbst und seine Gefühle wahrzunehmen und einzuordnen. Es bekommt ein eigenes Bild von sich und vor allem lernt es im besten Fall, dass es nicht schlimm ist intensiv zu fühlen. Sondern dass jede Gefühlswelle irgendwann wieder vorbei geht, die Welt sich weiter dreht und das Leben weitergeht. Und das können wir uns beim Lieder schreiben zunutze machen.

Was hat denn jetzt ein Spiegel mit Lieder schreiben zu tun?

Ganz einfach: Musik kann unsere Emotionen als Erwachsener spiegeln und uns dabei unterstützen sie einzuordnen. Vielleicht kennst du es, dass du deine Musik nach Gemütszustand auswählst – ob total sanfte Klänge am Morgen, wenn du in den Tag startest oder wenn du wütend bist mit Heavy Metal im Auto nachhause: Musik gibt unserem Gemütszustand dann eine Stimme, wenn wir gerade selber keine Worte dafür finden. Hören wir die Musik und die Stimmung dahinter bekommen wir meistens auch mehr einen Bezug dazu, was wir gerade eigentlich fühlen. Musik hilft uns also uns besser wahrzunehmen. Egal ob es ein Instrument und eine Melodie ist, die unsere Gefühle widerspiegelt oder ein Text, der uns zu Tränen rührt. Musik kann wie ein Spiegel sein in dem wir merken: „Da erkennt uns jemand“ oder auch „Ich erkenne mich in dem, was der andere da singt.“ Und übersetzt heißt das so viel wie: „Ich bin nicht alleine damit.“

Ein Lied zur eigenen Person, Geschichte oder momentanen Situation zu bekommen oder zu verschenken, kann daher eine wunderschöne Geste sein, um zu sagen „Ich sehe dich.“

Und was meinst du jetzt mit sicherem Spiegel, Hannah?

Gut aufgepasst! Nur in den Spiegel zu schauen bringt natürlich nichts. Mit sicherem Spiegel ziele ich auf das Thema sichere Räume ab. Letztes Jahr habe ich schon etwas ausführlicher dazu geschrieben: Sichere Räume – was sie sind und warum wir sie uns schenken sollten. Bei sicheren Räumen geht es darum bewusst einen Raum abzustecken und alle Gefühle darin zu erlauben. Bei Musik ist das so gut möglich, weil Lieder an sich schon einen Raum haben (eine gewisse Spieldauer). Und in dem Lied können alle Emotionen und Gedanken unterkommen. Man kann in eine Art Rolle hüpfen und dort alles mal rauslassen (du willst gar nicht wissen welche Musicalsongs ich schon dramatisch mit dem Kochlöffeln in der Hand gesungen habe). Das ermöglicht uns einerseits mit unseren Gefühlen zu verbinden und zeitgleich uns nicht in ihnen zu verlieren. Eben weil sie klar abgesteckt in diesem Raum sind. Mit einem sicheren Spiegel meine ich, dass wenn ich ein Lied für dich schreibe alles Gefühle und Gedanken von dir willkommen sind. Oft sind es sogar die besonders unangenehmen Gefühle, die ein wahres Potenzial für tolle Liedtexte in sich tragen können.

Wie es weiter geht

Zusammengefasst können wir sagen, wenn wir in einen Spiegel schauen bekommen wir ein Bild von uns und ähnlich wie in Teil 1 mit dem zeitlichen Rahmen können wir unsere Gefühle mehr einordnen. Im letzten Teil „dem handlungsfähigen Märchen“ gebe ich unter anderen ein Tipp wie wir mit dem trotzigen Kind im Supermarkt umgehen können und vor allem wie wir diese Handlungsfähigkeit auch beim Lieder schreiben entdecken können. Ich verlinke ihn hier sobald er fertig bzw. gebe in der Wunderpost Bescheid. <3