#10 Warum „sing einfach lauter“ kein hilfreicher Rat ist
Podcastfolge hier anhören:
Es gibt eine Art von Ratschlag, den meine Sängerinnen immer wieder in früherem Gesangsunterricht bekommen haben:
„Du musst einfach lauter singen.“
„Du musst mehr aus dir rauskommen.“
„Du musst lockerer werden.“
„Du musst einfach kräftiger singen.“
Und ich verstehe, woher dieser Satz kommt. Wenn eine Stimme sehr zurückgehalten klingt, ist natürlich oft das Ziel, dass sie irgendwann mehr Klang, mehr Kraft und mehr Präsenz bekommt.
Aber genau da liegt der Punkt: Lauter singen ist das Ziel – nicht die Anleitung.
„Lauf halt einfach schneller“ hilft auch nicht
Ich nehme dafür total gerne das Beispiel mit der Leichtathletik. Wenn mein Ziel wäre, schneller zu rennen, würde es mir ja gar nichts bringen, wenn jemand sagt:
„Lauf halt einfach schneller.“
Ja, klar. Das ist das Ziel. Aber wie komme ich dahin?
Beim Laufen müsste man anschauen: Was führt dazu, dass ich schneller laufen kann?
Da spielen die Beine mit rein, die Ausdauer, die Motorik, die Muskeln. Das sind alles Dinge, die man getrennt voneinander und im Zusammenspiel miteinander trainiert, damit das natürliche Endergebnis ist:
Ich kann schneller laufen. Und so ist es auch mit lauter und kräftiger singen.
Ich kann dir nicht einfach sagen: „Sing halt mal lauter.“ Ohne dir zu zeigen, welche Aspekte da mit reinspielen.
Wenn du einfach nur lauter wirst, wird es oft anstrengend
Wenn du keine Technik hast, keine innere Erlaubnis, kein Körpergefühl dafür und dein Nervensystem eigentlich auf Rückzug steht, dann wird lauter singen meistens einfach anstrengend.
Viele erzählen mir dann von früheren Gesangsunterricht:
„Ich sollte mich halt mehr anstrengen.“
„Ich sollte einfach lauter werden.“
„Ich habe gemerkt, ich komme irgendwann an meine Grenze.“
„Ich bin fast heiser geworden.“
Und da schlage ich innerlich manchmal echt die Hände über dem Kopf zusammen. Weil es nicht sein kann, dass jemand in bezahlten Gesangsunterricht geht und als Lösung bekommt:
„Werde halt lauter.“ Teilweise sogar: „Schrei mal mehr.“ Wenn du dadurch heiser wirst, dich mehr verkrampfst oder es alleine nicht reproduzieren kannst, ist es total verständlich, dass dich das frustriert. Und es ist nicht deine Schuld.
Es ist nicht deine Aufgabe, von allein zu wissen, wie du lauter wirst
Es ist nicht deine Schuld, wenn du nicht von dir aus weißt, was du in deiner Stimme ansteuern kannst.
Es ist nicht deine Schuld, wenn du nicht automatisch weißt, wie du kräftiger singst, ohne zu drücken.
Und es ist nicht deine Schuld, wenn du bei „sing einfach lauter“ innerlich eher zumachst.
Genau dafür ist Gesangsunterricht ja eigentlich da:
- Dir zu zeigen, was du beeinflussen kannst.
- Welche Ansätze es gibt.
- Was sich für dich gut anfühlt.
- Wo du einen Effekt spürst.
- Und wie du deine Stimme so trainierst, dass sie freier werden kann, ohne dass du über deine Grenze gehst.
Gute Anleitung braucht Flexibilität
Ich war selbst bei vielen verschiedenen Gesangslehrerinnen und Gesangslehrern und habe für mich immer wieder geschaut:
- Was hat mich wirklich weitergebracht?
- Wo habe ich eine Verbindung zu meiner Stimme bekommen?
- Und wo bin ich eher verunsichert aus dem Unterricht gegangen?
Eine Hauptkomponente war für mich immer: Kann die Lehrperson flexibel auf mich eingehen?Oder zieht sie einfach Schema F durch?
Ein guter Unterricht sollte nicht nur auf der Realität der Lehrperson beruhen. Nur weil jemand selbst kein Problem damit hat, laut zu singen, aufzutreten oder sich zu zeigen, heißt das nicht, dass es für jede Sängerin genauso leicht ist.
Gerade stille Sängerinnen bringen einen eigenen Körper, eine eigene Geschichte und ein eigenes Selbstbild mit.
Und genau das muss im Unterricht Platz haben.
Du bist dem Unterricht nichts ausgeliefert
Das ist mir so wichtig: Du bist als stille Sängerin dem Gesangsunterricht nicht ausgeliefert.
Du darfst merken: Das passt für mich nicht. Ich komme eingeschüchtert aus der Stunde. Ich bin danach total angespannt. Ich fühle mich nicht ernst genommen. Dieser Ratschlag verschließt mich eher, als dass er mich öffnet.
Und du darfst das ernst nehmen.
Wenn du immer wieder das Gefühl hast, du bekommst nur unkonkrete Ansagen wie „sing halt lauter“, aber niemand zeigt dir, wie du dahin kommst, dann ist es verständlich, dass du frustriert bist.
Lauter singen braucht mehr als Mut
Gerade bei stillen Sängerinnen geht es oft nicht nur um Technik.
Natürlich gibt es technische Aspekte:
- Atem.
- Dynamische Tonführung.
- Vokalplatzierung.
- Stimmsitz.
- Resonanz.
- Natürliche Lauterzeugung.
All das hat Einfluss darauf, wie frei, kräftig und laut deine Stimme werden kann.
Aber daneben gibt es auch die gesangspsychologische Ebene.
Wenn dein Körper gerade eigentlich auf Rückzug steht, kannst du nicht einfach eine 180-Grad-Wende hinlegen und plötzlich voll in den Ausdruck gehen. Wenn dein Selbstbild davon geprägt ist, dass du immer eher leise, freundlich, angepasst und unauffällig bist, dann ist „sing lauter“ nicht einfach nur eine technische Aufgabe.
Dann kann das ein richtiger Identitätskonflikt sein.
Dein Nervensystem muss Ausdruck überhaupt zulassen können
Deswegen arbeite ich so gerne nervensystembasiert. Denn die Frage ist nicht nur: Wie wird deine Stimme lauter?
Sondern auch: Ist dein Körper überhaupt gerade in einem Zustand, in dem Ausdruck sicher ist?
Wenn dein Körper innerlich sagt:
„Ich will mich eigentlich verstecken.“
„Ich will nicht auffallen.“
„Ich will mich zurückziehen.“
Dann bringt es wenig, einfach mehr Druck auf die Stimme zu geben. Dann dürfen wir erstmal daran arbeiten, dass dein Körper Klang freigeben kann, ohne sich bedroht zu fühlen. Dass du dich sicherer fühlst, wenn du dich zeigst. Dass Ausdruck nicht sofort mit Überforderung gekoppelt ist.
Manche Klänge fühlen sich erstmal ungewohnt an
Gerade für lautere Sounds gibt es im Gesangsunterricht oft Übungen oder Tonerzeugungen, die erstmal ungewohnt sind. Manche klingen ein bisschen dümmlich, zickig und vielleicht auch erstmal nicht schön. Aber sie helfen, mehr Präsenz in die Stimme zu bekommen.
Und genau das sind oft Eigenschaften und Laute, die sich stille Sängerinnen im Alltag gar nicht erlauben. Deswegen kann da innerlich so viel Druck entstehen. Nicht, weil du falsch bist – sondern weil dein System beim Singen etwas machen soll, was es aus dem Alltag gar nicht gewohnt ist.
Deine Stimme lügt dich nicht an
Das ist vielleicht der wichtigste Reminder: Deine Stimme lügt dich nicht an.
Sie zeigt dir sehr ehrlich, was funktioniert und was nicht funktioniert.
Wenn du merkst: Dieser Ansatz verschließt mich noch mehr. Ich werde heiser. Ich verkrampfe. Ich fühle mich nicht sicherer, sondern kleiner. Dann darfst du das ernst nehmen. Das heißt nicht, dass du untalentiert bist. Das heißt vielleicht einfach, dass du einen anderen Ansatz brauchst.
Singen darf sich leicht und locker anfühlen
Ein guter Leitsatz ist für mich: Singen darf sich leicht und locker anfühlen.
Natürlich darf es fordernd sein. Natürlich darf man lernen, üben und neue Dinge entdecken. Aber Gesangsunterricht sollte nicht dazu führen, dass es für dich noch anstrengender wird. Er sollte dich darin unterstützen, mit weniger Druck mehr Zugang zu deiner Stimme zu bekommen.
Mit lockeren Ansätzen, mehr Aufatmen, Verbindung und Verständnis dafür, was deine Stimme braucht.
Singen ist eigentlich etwas sehr Natürliches. Stimme melodisch einzusetzen, ist nichts, was sich hart, eng oder verhärtet anfühlen sollte.
Und gerade wenn du in den Gesangsunterricht gehst, darf dieser Unterricht dich dabei unterstützen, wieder mehr dahin zurückzukommen: Ich darf meine Stimme freier einsetzen, ohne über eine Grenze zu gehen, die mir eigentlich zu viel ist