#11 Warum Peinlichkeit beim Singen oft ein gutes Zeichen ist✨
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Singen und die eigene Stimme zu hören, ist für viele Menschen fast schon peinlich. Nicht nur ein bisschen ungewohnt. Sondern wirklich so ein inneres Zusammenziehen.
- „Oh Gott, hoffentlich hat das niemand gehört.“
- „So kann man das ja nicht anhören.“
- „Ich kann aber nicht singen.“
- „Wenn überhaupt, dann nur in der Dusche.“
Und ich finde das so traurig, weil dieses Gefühl scheinbar fast kollektiv in uns steckt:
„Singen und Stimme ist nichts für mich. Dafür muss man irgendwie professionell ausgewählt sein.“
Dabei ist dieses Peinlichkeitsgefühl beim Singen nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass deine Stimme schlecht ist. Oft ist es eher ein Zeichen dafür, dass du gerade an eine Schwelle kommst, an der mehr Ausdruck, mehr Klang und mehr innere Erlaubnis möglich werden.
Deine Stimme muss nicht erst perfekt sein, damit du sie zeigen darfst
Wenn wir uns mit unserer Stimme schämen, geht es oft sehr schnell um Korrektur.
Dann kommt sofort dieser Gedanke:
- Ich muss erst besser werden.
- Ich muss erst schöner klingen.
- Ich muss erst die richtige Technik lernen.
- = Dann darf ich meine Stimme zeigen.
Und ja, Gesangsunterricht darf natürlich helfen, dass du deiner Stimme mehr vertrauen kannst. Dass sie freier klingt. Dass du sicherer wirst. Dass du besser verstehst, was du da eigentlich machst. Aber ganz oft ist der Weg nicht, noch mehr Kontrolle in die Stimme zu bringen. Oft geht es eher darum, eine viel zu kontrollierte Stimme wieder locker werden zu lassen.
Freier Ausdruck ist in unserer Welt nicht besonders normal
Wir leben in einer Gesellschaft, in der freier Ausdruck nicht besonders normal ist.
Damit meine ich nicht freie Meinungsäußerung. Ich meine: Mit welchen Lauten, Klangfarben und körperlichen Ausdrucksformen bewegen wir uns eigentlich durch die Welt? Wenn wir sprechen, nutzen wir meistens nur einen sehr kleinen Bereich unserer Stimme. Einen Bereich, der sozial geduldet ist. Angemessen. Kontrolliert. Nicht zu viel.
Beim Singen ist das anders. Beim Singen nutzen wir mehr Körper, Klang, Raum, Luft. & Emotion = mehr von uns.
Und genau das kann sich erstmal komisch anfühlen.
Als Baby war dir deine Stimme nicht peinlich
Ich spreche im Unterricht gerne über Wellenausschläge. Wenn wir als Babys auf die Welt kommen, sind wir in einem komplett körperlichen Ausdruck.
Da ist es uns egal, was Nachbar Gerd darüber denkt, wenn wir nachts um 3 Uhr schreien, weil wir eine neue Windel brauchen oder irgendein anderes Bedürfnis haben. Dieser körperliche Ausdruck ist einfach da.
Natürlich ist das nicht mein Ziel zu sagen: Wenn du singen möchtest, muss dir alles egal sein. Nein. Aber wir kommen mit einer großen Selbstverständlichkeit auf die Welt, mit Stimme und Körper Raum einzunehmen. Und mit der Zeit lernen wir, uns anzupassen.
Der Ausschlag wird kleiner
Spätestens in der Schule lernen wir:
- So schreibt man.
- So rechnet man.
- So spricht man.
- So bewegt man sich.
- So bekommt man gute Noten.
- So gehört man dazu.
Wir sitzen still. Wir sagen es „richtig“. Wir bewegen uns normal.
Als Erwachsene hüpfen wir meistens nicht mehr einfach die Straße entlang, nur weil wir es könnten. Wir machen keinen Seitgalopp durch die Stadt, just for fun. Wir laufen normal.
Und genauso ist es mit der Stimme. Wir hätten so viele Möglichkeiten, unsere Stimme einzusetzen. Aber meistens halten wir sie in einem Radius, der akzeptiert ist. Und wenn wir anfangen zu singen, gehen wir plötzlich wieder in einen größeren Wellenausschlag.
Und die erste Reaktion ist dann oft nicht: „Juhu, ich zeige mich mehr.“
Sondern eher: „Oh Gott. Was passiert hier? Das ist anders. Das ist peinlich.“
Peinlichkeit ist oft ein Schutzgefühl
Peinlichkeit ist häufig ein Gefühl, das Sicherheit vermitteln soll. So nach dem Motto:
- Achtung, das ist neu.
- Achtung, das ist gefährlich.
- Achtung, geh lieber nicht zu weit raus.
Wenn ich Peinlichkeit beim Singen wahrnehme, ist das für mich oft ein Zeichen: Aha. Wir stehen gerade an einem Punkt, an dem mehr Stimme freigeschaltet wird. Und jetzt geht es nicht darum, dieses Gefühl wegzudrücken.
Sondern darum zu schauen:
- Wie gehen wir mit dieser Peinlichkeit um?
- Was liegt dahinter?
- Wie viel Klang oder Ausdruck möchte da eigentlich kommen?
Wir bewerten uns oft schon, bevor andere es tun
Die automatisierte Reaktion bei Peinlichkeit ist oft:
- „Oh mein Gott, hoffentlich hat das keiner gehört.“
- „Wie klingt meine Stimme?“
- „Das kann man ja so nicht anhören.“
Das ist eigentlich eine Bewertung von außen, die wir schon selbst übernehmen. Wir denken schon das, was andere vielleicht denken könnten. Und werten uns ab, damit wir uns wieder zurücknehmen.
Aber was wäre, wenn du etwas schief singst und damit nicht direkt ein Problem hättest? Was wäre, wenn du zehn Versuche machst, acht davon schräg klingen und erst der neunte gut ist? Beim Singen ist das oft die natürliche Prozedur.
Es ist viel Try and Error. Wir kommen nicht darum herum, uns immer wieder auch mit einer Stimme zu konfrontieren, die wir vielleicht erstmal nicht schön finden. Das Problem ist nicht, dass da etwas falsch ist. Das Problem ist, dass wir bei Peinlichkeit sofort denken: Jetzt ist etwas falsch mit mir.
Der Wechsel: Peinlichkeit kann eine Schwelle sein
Peinlichkeit kann ein Indikator dafür sein, dass du an einer neuen Schwelle für innere Erlaubnis und innere Freiheit stehst.
Wenn du es schaffst, mit einem schiefen Ton klarzukommen, darüber zu lachen oder dich nicht sofort persönlich abzuwerten, dann entsteht da etwas. Nicht nur beim Singen – sondern oft auch im Leben.
Weil Stimme so persönlich ist, kann die Arbeit mit der Stimme auch persönliches Vertrauen festigen. Wenn wir hinter unserer Stimme stehen, wenn wir uns erlauben, fehlbar zu sein, wenn wir uns erlauben, üben zu dürfen, dann ist das eine Haltung, die wir in unser ganzes Leben mitnehmen.
Es braucht Gelassenheit, um Singen zu lernen
Wenn du eine Übung zehnmal wiederholst und sie erst beim neunten oder zehnten Mal gut klingt, braucht es Gelassenheit.
Es braucht innere Erlaubnis, damit du den Spaß nicht verlierst – wenn automatisch immer die Stimme kommt:
„Oh Gott, hoffentlich hat mich keiner gehört.“
Dann ist die gedachte Stimme der anderen oft wichtiger als du. Wichtiger als die Person, die singen möchte. Wichtiger als dein Recht, deine Stimme einzusetzen. Und genau da dürfen wir neu ansetzen.
Dein Körper darf lernen, mehr Ausdruck zu halten
Peinlichkeit zeigt sich oft körperlich:
- Angespannte Muskeln.
- Innerliches Zusammenziehen.
- Ein Impuls, kleiner zu werden.
- Vielleicht lachen, verstecken, abbrechen.
Deswegen mag ich den nervensystembasierten Ansatz so gerne. Wir können mit dieser Energie arbeiten, die sich da ansammelt oder anspannt. Nicht indem wir sagen:
„Jetzt überwinde dich halt und trau dich einfach. Ist doch egal, was die Nachbarn denken.“
Das kann man nicht faken. Sondern indem wir an der Stelle einhaken, an der es gerade peinlich wird.
Und fragen:
- Was ist das gerade?
- Wie kann es sicherer für dich werden?
- Wie kannst du dir treu bleiben, obwohl die automatische Reaktion ist: Ich muss mich jetzt kleiner machen?
Es geht nicht darum, über dich drüberzugehen
Es geht nicht darum, über deine Grenze zu gehen oder zu sagen: „No matter what, du musst dich jetzt trauen.“
Sondern darum, an diesen Grenzen sicherer zu werden. Die Wellenausschläge dürfen wieder größer werden.
Singen erfordert genau das: mehr Körper, mehr Ausdruck, mehr Ausschlag. Und das ist etwas, was wir in unserer Gesellschaft oft verlernt haben.
Ein kleines Beispiel: Kannst du laut gähnen? Also nicht nur so versteckt hinter der Hand, sondern mit richtig Sound drauf? Wenn dir das schon peinlich ist, ist das ein kleines Indiz dafür, dass Ausdruck vielleicht nicht ganz frei und erlaubt ist.
Das ist nicht schlimm. Es ist einfach etwas, was man üben darf. Gerade im Gesangstraining können wir solche Dinge mit reinnehmen, um mit Peinlichkeit und Scham besser umgehen zu lernen.
Nicht im Sinne von: „Ich muss mich jetzt zwingen.“
Sondern eher:
„Aha, interessant. Wenn ich über dieses Peinlichkeitsgefühl drübergehen würde, liegt dahinter wahrscheinlich ein Maß an Klang und Ausdruck, das ich sonst in meinem Leben nicht gewohnt bin.“
Deine Stimme darf wieder mehr Raum bekommen
Wenn wir unsere Stimme einsetzen, denken wir oft, dass immer etwas Richtiges herauskommen muss.
Etwas Adäquates, Souveränes – etwas, wo andere denken: Das hat sie gut gemacht.
Das kennen wir aus Schule, Uni, Arbeit, überall dort, wo wir bewertet werden und und beweisen müssen. Aber beim Singen dürfen wir wieder lernen, dass Stimme nicht nur dafür da ist, richtig und kontrolliert zu sein.
Sie darf auch ein freier Ausdruck sein. Und wenn du dich oft für deine Stimme schämst oder es peinlich findest, dass dich jemand hören könnte, dann ist das kein Beweis dafür, dass du nicht singen solltest.
Es ist eher ein Hinweis darauf, dass dein System lernen darf: Mehr Ausdruck kann sicher werden.