#12 Üben beim Singen wird komplett falsch verstanden
Podcastfolge hier anhören:
Eine Frage, die ich im Gesangsunterricht immer wieder höre:
„Hannah, ich brauche eine Übungsroutine. Was ist denn eine passende Routine? Wie oft muss ich üben, um gut singen zu können?“
Und ich verstehe diese Frage total. Wenn wir eine neue Fähigkeit lernen, denken wir oft: Ich muss es möglichst oft machen.
Wiederholung ist wichtig – und ja, sie schafft Sicherheit. Unser Körper darf Dinge ein paar Mal erleben, damit sie sich irgendwann automatisch in die Stimme mischen.
Aber gleichzeitig beobachte ich immer wieder, dass wir uns das Thema Üben unnötig schwer machen.
„Ich habe nicht geübt“
Ganz oft ist einer der ersten Sätze im Unterricht: „Ich will gleich sagen, dass ich nicht geübt habe.“
Wenn wir dann genauer hinschauen, kommt aber sowas wie:
- „In der Küche habe ich gesungen und die eine Stelle ging leichter.“
- „Im Auto hat es besser funktioniert.“
- „Beim Sprechen habe ich meine Stimme anders wahrgenommen.“
Und dann wird plötzlich klar: Das ist auch Gesangstraining.
Viele denken, Üben zählt nur, wenn sie sich bewusst hinsetzen und Übungen durchgehen. Aber Stimme passiert ständig – und sie entwickelt sich auch in diesen kleinen Momenten im Alltag.
Gesangstraining ist nicht nur die Übung am Klavier
Natürlich sind technische Übungen sinnvoll. Aber Singen ist ein so weites Feld, dass wir uns nicht auf einen einzigen Weg festlegen müssen. Du musst dich nicht zwingen: „Ich muss jeden Tag 15 Minuten diese Übung machen.“
Vor allem nicht, wenn du merkst, dass du es eh nicht durchziehst.
Oft fehlt nicht Disziplin – sondern der Sinn dahinter. Wenn du verstehst, warum du etwas übst und was es dir später im Lied bringt, wird es automatisch leichter, dranzubleiben.
Üben ja – aber so, dass es in dein Leben passt
Singen üben kann also ganz unterschiedlich aussehen:
- Atemübungen im Yoga
- Singen im Auto
- kleine Beobachtungen im Alltag
- ein Lied nach der Arbeit
- Übungen nebenbei beim Kochen
Das ist keine „falsche“ Art zu üben. Das ist oft genau der Weg, der wirklich funktioniert.
Weil er zu deinem Leben passt und sich natürlich in deinen Alltag integriert.
Es geht nicht um eine Routine, sondern um einen Rahmen
Für mich geht es weniger um eine feste Übungsroutine. Es geht darum, einen Rahmen zu finden, der zu dir passt:
- zu deinem Alltag
- zu deinen Kapazitäten
- zu deiner Motivation
Einen Rahmen, der dich unterstützt und dich nicht noch weiter unter Druck zu setzt.
Vielleicht ist das ein fester Slot in der Woche (ich plane z.B. einmal die Woche ein Karaoke-Date zum Singen). Vielleicht ist es aber auch ein Lied am Abend oder einfach mehr Bewusstsein für dein Instrument = dein Körper im Alltag.
In meinen Stimm-Zauber-Gesangsstunden werden wir übrigens immer seeehr kreativ darin, die unterschiedlichsten „Routinen“ zu zaubern – eine, die zu dir und deinem Leben passt.
Take-away: Du darfst auch beim Üben auf dich hören
Du brauchst keine perfekte Übungsroutine – du brauchst einen Weg, der sich für dich machbar anfühlt.
Und vielleicht machst du jetzt schon viel mehr für deine Stimme, als dir bewusst ist.
Statt dich zu fragen: „Habe ich genug geübt?“
lass uns endlich betrachten: „Wo hat meine Stimme heute Raum bekommen?“