#15 Wie aus „Ich kann nicht singen“ ein Platz im Chor wurde – Bettinas Weg von der Stillen zur Sängerin

„Es war halt einfach in meiner Kindheit so, dass ich überhaupt keine Stimme hatte.“

Ein Leben lang nicht laut sein, nicht sichtbar sein. Und mittendrin, tief im Inneren, eine Liebe zu Musicals und Disney-Songs, die einfach nicht verschwinden wollte. Das war Bettinas Startpunkt. Wenn du dich beim Singen also oft unsicher fühlst und trotzdem nicht aufhören kannst, davon zu träumen – lies weiter. 

Stille Sängerin Bettina ist ein zauberhaftes Beispiel dafür, wie aus „ich kann nicht singen“ ein fester Platz im Chor wurde.

„Ich kann nicht singen“ – ein Satz, der nie über die Stimme sprach

Bettina beschreibt sich was das Singen anging selbst als total engstirnig: „Ich habe mich sowas von selbst klein gehalten.“

Auch sie kannte die typische Aussage einer stillen Sängerin „Ich kann nicht singen.“

Dabei geht es selten um Töne treffen oder Technik. Es geht darum, überhaupt Raum einzunehmen. Wer als Kind gelernt hat, nicht laut zu sein, trägt dieses Muster mit ins Erwachsenenleben – auch dann, wenn die eigentliche Sehnsucht nach Singen schon seit Jahren da ist. Wenn wir das, was wir beim Singen hören, nicht mögen, ist das selten ein Beweis für fehlendes Talent, sondern ein Zeichen dafür, wie sehr das Nervensystem trainiert wurde, die eigene Stimme zurückzuhalten.

Bettina bringt es auf den Punkt: Sobald sie angefangen hat zu singen, kam sofort der Drang sich zu Räuspern und Tränen.

„Das war meine Bremse. Es war mein Gefängnis im Grunde.“

Das Gefängnisgefühl kennen viele stille Sängerinnen

Bettina hatte 2023 schon im Internet nach Gesangsunterricht vor Ort gesucht. Sie hat aber nichts gefunden, was sie dort abholt, wo sie stand. Die Vorstellung, mit einer fremden Person in einem Raum zu stehen und „einfach loslegen“ zu müssen, war für sie unvorstellbar.

Kein Zufall: Klassischer Gesangsunterricht wirkt auf viele leistungsorientiert und bewertend – ein kompletter Crash vom Selbstbild, wie ich es gerne nenne. Man steht da, wird bewertet, muss sich zeigen. Genau das Gegenteil von dem, was das Nervensystem einer stillen Sängerin gut halten kann.

Was für Bettina den Unterschied machte, war nicht Technik, sondern eine andere Herangehensweise, wie ich sie beim Singen immer predige: „So eine Leichtigkeit, so eine ganz tolle, freundliche, fröhliche, spielerische Leichtigkeit. Ich wollte auch so sein.“

Dieses spielerische „ich gucke mir das einfach mal an“ hat Bettina schließlich dazu gebracht den Wunsch zu singen ernst zu nehmen und ich durfte sie 2024 in Stimm-Zauber begrüßen.

Der Kugelfisch und das Problem, den eigenen Körper nicht zu spüren

Gemeinsam haben wir ihre Stimme aus 6 Perspektiven neu erforscht und kennengelernt: Technisch, gesangspsychologisch und in der Liedarbeit. Eine der größten Aha-Moment, den Bettina dabei gezogen hat, war, dass sie am Anfang überhaupt kein Gefühl für ihre eigene Stimme im Körper hatte. Als ich ihr z.B. in den ersten Monaten die Kugelfisch-Metapher fürs Stützen (Atemmanagement) erklärte, dachte Bettina nur: „Okay, was will sie jetzt von mir.“

Sie hatte noch kein Gefühl dafür, wo im Körper fürs Singen überhaupt etwas passiert. Das ist kein Einzelfall. Unser Körper ist beim Singen das Instrument – und wenn wir ihn nicht wahrnehmen können, wird es schwer, den eigenen Klang gezielt zu beeinflussen.

Viele landen dann dabei, nur noch über Druck im Hals zu „singen“, weil das der einzige Ort ist, an dem sie überhaupt etwas spüren. Kein Wunder, in einer Welt, in der wir von klein auf trainiert werden, unserer Körper zu optimieren und alles 10x zu überdenken.

Die 1%-Methode: aufhören, sich mit Popstars zu vergleichen

Ein Sache, die vielen stillen Sängerinnen hemmt, war auch Bettinas Bremse:

Sie hörte ihre Lieblings-Musicalsongs im Radio und verglich sich sofort damit.

Ich nutzte für diese Stolperfalle gerne die „1%-Methode“ – lieber sichere kleine Schritte gehen von dort aus, wo du gerade wirklich stehst, statt sich an unerreichbaren Vorbildern zu messen. Menschen, die im Radio laufen, haben oft ihr ganzes Leben, meist seit der Kindheit, in ihre Stimme investiert und durch ihren Hauptberuf als Sänger ganz andere Ressourcen dafür.

Für Bettina war der Wendepunkt genau dieser Gedanke: „Ich brauche das nicht, ich muss mich nicht mit denen messen, sondern ich kann einfach nur ich sein und meine Töne machen.“ Ab da war das Eis gebrochen. 

Was dann folgte, war eine Aneinanderreihung kleiner, aber sehr wirkungsvoller Schritte, die ihr heute ermöglichen frei zu singen.

Was Singen mit deiner Lebensqualität zu tun hat

Auf die Frage, was sie am meisten überrascht hat, antwortet Bettina nicht mit einer Gesangstechnik, sondern mit einem Satz, der mir schon öfters begegnet ist, wenn man das Singen über mehrere Monate endlich priorisiert hat:

„Die Lebensqualität hat sich da so unfassbar verändert.“

Nicht nur beim Singen selbst – auch im Umgang mit anderen Menschen, sogar mit ihrem Hund. Bettina traut sich seitdem generell mehr, ihre Stimme einzusetzen. Singen wurde zu einem Ort, an dem sie üben konnte, präsent zu sein, ohne dass es gleich reale Konsequenzen hat.

Diese Sicherheit trägt man danach mit raus, so wie Bettina jetzt ins Grenzensetzen und ins Für-sich-Einstehen tut.

Der Chor: wo Bettinas Stimme endlich ihren Platz bekam

Irgendwann reichte ihr das Singen zu Hause nicht mehr. Sie hat sich am Ende von Stimm-Zauber einen Kirchenchor im Nebenort gesucht – modern, mit Gospel, Pop und Rock – und wurde dort, ihren Worten nach, „von der ersten Sekunde an extrem herzlich, fast schon liebevoll aufgenommen.“

Das Wichtigste: Sie ist nicht die alleinige Rampensau vorm Mikro, sondern eine Stimme von vielen, getragen von der Gruppe. Zeigt mal wieder, wie individuell Singen doch sein kann und dass es für jeden das passende Setting gibt.

Schon bald folgte ihr erster großer Auftritt: ein Weihnachtsmarkt in der Stadtkirche, kaum ein Jahr nachdem sie angefangen hatte.
„Ich bin fast tausend Tode gestorben. Aber es war ein mega Erlebnis.“

Heute singt sie im Alt, ohne Angst davor, nicht die Hauptmelodie zu singen. Die Rückmeldung aus dem Chor – „Betty, du kannst so gut singen, du bist voll die Bereicherung“ kann sie inzwischen voll und ganz annehmen.

Was du aus Bettinas Weg mitnehmen kannst

Bettinas Rat an sich selbst vor zwei, drei Jahren, wäre sich zu erlauben sich zu trauen, sich zu überwinden und auf den Weg zu machen. Und zeitgleich fair mit sich zu sein und keine Riesenschritte zu erwarten, sondern „wirklich ein Schritt nach dem anderen zu gehen“.

Die eigene Stimme im Singen zu finden ist ein Sprint, sondern ein Prozess, der Zeit braucht UND auf dem Weg schon richtig Spaß machen darf.

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