#15 Wie aus „Ich kann nicht singen“ ein Platz im Chor wurde – Bettinas Weg von der Stille zur Sängerin

#15 Wie aus „Ich kann nicht singen“ ein Platz im Chor wurde – Bettinas Weg von der Stille zur Sängerin

#15 Wie aus „Ich kann nicht singen“ ein Platz im Chor wurde – Bettinas Weg von der Stillen zur Sängerin

„Es war halt einfach in meiner Kindheit so, dass ich überhaupt keine Stimme hatte.“

Ein Leben lang nicht laut sein, nicht sichtbar sein. Und mittendrin, tief im Inneren, eine Liebe zu Musicals und Disney-Songs, die einfach nicht verschwinden wollte. Das war Bettinas Startpunkt. Wenn du dich beim Singen also oft unsicher fühlst und trotzdem nicht aufhören kannst, davon zu träumen – lies weiter. 

Stille Sängerin Bettina ist ein zauberhaftes Beispiel dafür, wie aus „ich kann nicht singen“ ein fester Platz im Chor wurde.

„Ich kann nicht singen“ – ein Satz, der nie über die Stimme sprach

Bettina beschreibt sich was das Singen anging selbst als total engstirnig: „Ich habe mich sowas von selbst klein gehalten.“

Auch sie kannte die typische Aussage einer stillen Sängerin „Ich kann nicht singen.“

Dabei geht es selten um Töne treffen oder Technik. Es geht darum, überhaupt Raum einzunehmen. Wer als Kind gelernt hat, nicht laut zu sein, trägt dieses Muster mit ins Erwachsenenleben – auch dann, wenn die eigentliche Sehnsucht nach Singen schon seit Jahren da ist. Wenn wir das, was wir beim Singen hören, nicht mögen, ist das selten ein Beweis für fehlendes Talent, sondern ein Zeichen dafür, wie sehr das Nervensystem trainiert wurde, die eigene Stimme zurückzuhalten.

Bettina bringt es auf den Punkt: Sobald sie angefangen hat zu singen, kam sofort der Drang sich zu Räuspern und Tränen.

„Das war meine Bremse. Es war mein Gefängnis im Grunde.“

Das Gefängnisgefühl kennen viele stille Sängerinnen

Bettina hatte 2023 schon im Internet nach Gesangsunterricht vor Ort gesucht. Sie hat aber nichts gefunden, was sie dort abholt, wo sie stand. Die Vorstellung, mit einer fremden Person in einem Raum zu stehen und „einfach loslegen“ zu müssen, war für sie unvorstellbar.

Kein Zufall: Klassischer Gesangsunterricht wirkt auf viele leistungsorientiert und bewertend – ein kompletter Crash vom Selbstbild, wie ich es gerne nenne. Man steht da, wird bewertet, muss sich zeigen. Genau das Gegenteil von dem, was das Nervensystem einer stillen Sängerin gut halten kann.

Was für Bettina den Unterschied machte, war nicht Technik, sondern eine andere Herangehensweise, wie ich sie beim Singen immer predige: „So eine Leichtigkeit, so eine ganz tolle, freundliche, fröhliche, spielerische Leichtigkeit. Ich wollte auch so sein.“

Dieses spielerische „ich gucke mir das einfach mal an“ hat Bettina schließlich dazu gebracht den Wunsch zu singen ernst zu nehmen und ich durfte sie 2024 in Stimm-Zauber begrüßen.

Der Kugelfisch und das Problem, den eigenen Körper nicht zu spüren

Gemeinsam haben wir ihre Stimme aus 6 Perspektiven neu erforscht und kennengelernt: Technisch, gesangspsychologisch und in der Liedarbeit. Eine der größten Aha-Moment, den Bettina dabei gezogen hat, war, dass sie am Anfang überhaupt kein Gefühl für ihre eigene Stimme im Körper hatte. Als ich ihr z.B. in den ersten Monaten die Kugelfisch-Metapher fürs Stützen (Atemmanagement) erklärte, dachte Bettina nur: „Okay, was will sie jetzt von mir.“

Sie hatte noch kein Gefühl dafür, wo im Körper fürs Singen überhaupt etwas passiert. Das ist kein Einzelfall. Unser Körper ist beim Singen das Instrument – und wenn wir ihn nicht wahrnehmen können, wird es schwer, den eigenen Klang gezielt zu beeinflussen.

Viele landen dann dabei, nur noch über Druck im Hals zu „singen“, weil das der einzige Ort ist, an dem sie überhaupt etwas spüren. Kein Wunder, in einer Welt, in der wir von klein auf trainiert werden, unserer Körper zu optimieren und alles 10x zu überdenken.

Die 1%-Methode: aufhören, sich mit Popstars zu vergleichen

Ein Sache, die vielen stillen Sängerinnen hemmt, war auch Bettinas Bremse:

Sie hörte ihre Lieblings-Musicalsongs im Radio und verglich sich sofort damit.

Ich nutzte für diese Stolperfalle gerne die „1%-Methode“ – lieber sichere kleine Schritte gehen von dort aus, wo du gerade wirklich stehst, statt sich an unerreichbaren Vorbildern zu messen. Menschen, die im Radio laufen, haben oft ihr ganzes Leben, meist seit der Kindheit, in ihre Stimme investiert und durch ihren Hauptberuf als Sänger ganz andere Ressourcen dafür.

Für Bettina war der Wendepunkt genau dieser Gedanke: „Ich brauche das nicht, ich muss mich nicht mit denen messen, sondern ich kann einfach nur ich sein und meine Töne machen.“ Ab da war das Eis gebrochen. 

Was dann folgte, war eine Aneinanderreihung kleiner, aber sehr wirkungsvoller Schritte, die ihr heute ermöglichen frei zu singen.

Was Singen mit deiner Lebensqualität zu tun hat

Auf die Frage, was sie am meisten überrascht hat, antwortet Bettina nicht mit einer Gesangstechnik, sondern mit einem Satz, der mir schon öfters begegnet ist, wenn man das Singen über mehrere Monate endlich priorisiert hat:

„Die Lebensqualität hat sich da so unfassbar verändert.“

Nicht nur beim Singen selbst – auch im Umgang mit anderen Menschen, sogar mit ihrem Hund. Bettina traut sich seitdem generell mehr, ihre Stimme einzusetzen. Singen wurde zu einem Ort, an dem sie üben konnte, präsent zu sein, ohne dass es gleich reale Konsequenzen hat.

Diese Sicherheit trägt man danach mit raus, so wie Bettina jetzt ins Grenzensetzen und ins Für-sich-Einstehen tut.

Der Chor: wo Bettinas Stimme endlich ihren Platz bekam

Irgendwann reichte ihr das Singen zu Hause nicht mehr. Sie hat sich am Ende von Stimm-Zauber einen Kirchenchor im Nebenort gesucht – modern, mit Gospel, Pop und Rock – und wurde dort, ihren Worten nach, „von der ersten Sekunde an extrem herzlich, fast schon liebevoll aufgenommen.“

Das Wichtigste: Sie ist nicht die alleinige Rampensau vorm Mikro, sondern eine Stimme von vielen, getragen von der Gruppe. Zeigt mal wieder, wie individuell Singen doch sein kann und dass es für jeden das passende Setting gibt.

Schon bald folgte ihr erster großer Auftritt: ein Weihnachtsmarkt in der Stadtkirche, kaum ein Jahr nachdem sie angefangen hatte.
„Ich bin fast tausend Tode gestorben. Aber es war ein mega Erlebnis.“

Heute singt sie im Alt, ohne Angst davor, nicht die Hauptmelodie zu singen. Die Rückmeldung aus dem Chor – „Betty, du kannst so gut singen, du bist voll die Bereicherung“ kann sie inzwischen voll und ganz annehmen.

Was du aus Bettinas Weg mitnehmen kannst

Bettinas Rat an sich selbst vor zwei, drei Jahren, wäre sich zu erlauben sich zu trauen, sich zu überwinden und auf den Weg zu machen. Und zeitgleich fair mit sich zu sein und keine Riesenschritte zu erwarten, sondern „wirklich ein Schritt nach dem anderen zu gehen“.

Die eigene Stimme im Singen zu finden ist ein Sprint, sondern ein Prozess, der Zeit braucht UND auf dem Weg schon richtig Spaß machen darf.

#14 „Ich wäre lieber nackt vom Zehner gesprungen“ – Stille Sängerin Theresa packt aus

#14 „Ich wäre lieber nackt vom Zehner gesprungen“ – Stille Sängerin Theresa packt aus

#14 „Ich wäre lieber nackt vom Zehner gesprungen“ – Stille Sängerin Theresa packt aus

Ich liebe es mit ehemaligen stillen Sängerinnen ins Gespräch zu gehen, mit Kundinnen, die den Sprung gewagt haben, dann bekomme ich jedes Mal aufs Neue den lebenden Beweis dafür, dass Singen so viel mehr ist als reine Technik.

In der aktuellen Folge durfte ich Theresa zu Gast haben. Sie hat vor vor einem Jahr „Stimm-Zauber“ gemacht und anschließend weitere Gesangsstunden bei mir genommen. Jetzt ein halbes Jahr später, treffe ich sie wieder in dieser Podcastfolge.

Wir reisen zurück zu Theresas Gesangsanfängen: Wenn ich sie frage, wann ihr klar wurde, dass sie mehr mit ihrer Stimme machen möchte, gab es nicht DEN einzelnen Wendepunkt. Es war ein Hineinwachsen in den Wunsch mehr mit ihrer Stimme zu machen und das Timing „Stimm-Zauber“ in diesem Moment über den Weg zu laufen.

Lange wusste sie nicht mal, dass man die eigene Stimme und Singen überhaupt trainieren kann – sie dachte, entweder man ist damit gesegnet mit Talent oder eben nicht.

Genau diese Überzeugung begegnet mir bei so vielen von euch. Ein Glück, dass wir sie hinterfragen können! 🙂

Perfektionismus und die Angst vor Bewertung

Theresa wäre lieber nackt vom Zehner-Turm gesprungen, als jemandem einen Ton vorzusingen. Stimme ist etwas ganz Verletzliches und Intimes. Und gleichzeitig hat man trotzdem den Anspruch, dass es von Anfang an einfach fluppen und immer sofort gut klingen muss.

Diese beiden Dinge landen dann im selben Topf: die Verletzlichkeit der eigenen Stimme und der Druck, sofort gut abliefern zu müssen.

Genau das dürfen wir trennen. Stimme ist etwas sehr Persönliches – und gleichzeitig eine Fähigkeit, die man trainieren kann. Erst wenn wir das auch beim Üben auseinanderhalten, um es dann schrittchenweise zu verbinden, wird der Weg leicht und spielerisch statt zäh und schmerzhaft.

Der Aha-Moment: Singen passiert nicht im Hals

Einer der größten Klick-Momente während Stimm-Zauber war für Theresa: „Singen findet nicht im Hals statt, sondern fängt eigentlich bei den Zehen an.“

Der ganze Körper ist unser Resonanzkörper, unser Instrument. Wenn wir uns immer kleiner machen und zusammenziehen, glauben wir mit der Zeit, das wir nur mit Druck beim Hals noch etwas bei unserer Stimme beeinflussen können, – und das klingt dann eng, schief und angestrengt.

Kinder machen es uns vor, was wir eigentlich können: Sie gähnen laut, schreien, drücken sich hemmungslos aus. Genau dieses Hemmungslose und Spielerische verlernen wir als Erwachsene. Und genau das dürfen wir uns beim Singen zurückholen.

Der faire Vergleich & das Drittel Prinzip

Ein großes Aufatmen hat Theresa auch durch das richtige Übungssetting bekommen, z.B. durch Rollenarbeit und verschiedene Haltungen, die wir gezielt trainieren können. Stille Sängerinnen vergleichen sich gern mit Stars und professionellen Sängern, dessen Aufnahme bearbeitet wurde und die Jahrzehnte Training hinter sich haben.

Das ist, als würde man sich als Spaziergängerin mit einem Olympia-Marathonläufer messen. Es ist einfach nicht fair.

Erfolgreiche Sänger arbeiten hart für diese makellosen Ergebnisse. Es ist kein Traum, der einem in den Schoß fällt.

Und dieser nüchterne Boden der Tatsachen kann uns stillen Sängerinnen am Ende die Sicherheit und Motivation zum Üben geben, statt auf der Suche nach der „makellosen“ Stimme zu verzweifeln.

Theresa denkt dabei an das Drittel-Prinzip: Ein Drittel ist richtig gut, ein Drittel mittelmäßig, ein Drittel einfach Mist – und zwar in so ziemlich allem im Leben, nicht nur beim Singen.

Warum sollte es beim Singen anders sein? Wenn man das weiß, nimmt es dem Frust auf der Durststrecke die Schärfe. Wer auf der Durststrecke ist, macht nichts falsch, der ist mittendrin besser und freier beim Singen zu werden.

Singen als Investition in Lebensqualität

Am Ende habe ich Teresa gefragt, was sie einer stillen Sängerin raten würde, die kurz davor steht, sich mehr Raum für ihre Stimme zu nehmen. Ihre Antwort: Go for it.

Wenn es kitzelt, wenn die Neugier immer wieder auftaucht – das ist der Körper, der spricht. Und dem darf man zuhören.

Ihr Fazit, das gleichzeitig ein wunderbarer Leitsatz ist: Singen ist eine Investition in Lebensqualität.

Danke, liebe Theresa, für diese ehrlichen Einblicke.

#13 Kartoffelsack statt Performance? Julias Weg zu entspannterem Singen✨

#13 Kartoffelsack statt Performance? Julias Weg zu entspannterem Singen✨

#13 Kartoffelsack statt Performance? Julias Weg zu entspannterem Singen

Was, wenn du gerne singst – aber eigentlich gar nicht auftreten willst?

Was, wenn du Gesangsunterricht nimmst, Technik lernst, besser wirst … und dich trotzdem nicht wirklich frei fühlst?

In dieser Folge nimmt uns Julia mit in ihre Geschichte als stille Sängerin.

„Ich wollte einfach nur für mich singen.“

Julia war elf oder zwölf, als sie zum ersten Mal Gesangsunterricht nahm. Sie hatte immer gern gesungen, wollte irgendwas mit ihrer Stimme machen.

Doch was auch da war: dieses Gefühl, dass Singen sofort irgendwohin führen soll.

Musikschule, Schuljahresabschluss, Veranstaltung, alle Schülerinnen und Schüler spielen ihr Instrument oder singen vor. Für die Meisten ist das der normale Ablauf. Für Julia war es eher der Moment, in dem sie innerlich ausgestiegen ist.

„Ich möchte das nicht.“

Später, als Erwachsene, kam Julia wieder zum Gesangsunterricht. Diesmal war der Fokus ein anderer: besser werden, Technik festigen und ihre Stimme gezielt aufbauen. Die Lehrerin war gut, technisch sogar sehr gut. Aber auch dort war wieder dieses subtile Gefühl mit dabei irgendwann doch mal auftreten zu sollen. Für irgendwas soll das Ganze doch gut genug sein.

Doch Julia war nie in diesem Auftritts-Modus: „Ich wollte das einerseits nicht, weil ich mich nicht getraut habe und ich weiß gar nicht, ob im Auftreten für mich überhaupt so ein Reiz drin gelegen ist.“

Genau an dieser Stelle beginnt unser Gespräch: Nicht mit der Frage: Wie singt man technisch besser? Sondern: Was passiert, wenn man Singen liebt, aber den Weg nicht gehen möchte, der oft automatisch dazugehört?

Wenn Singen plötzlich ein Leistungsprojekt wird

Stille Sängerinnen kennen Druck, noch bevor sie überhaupt richtig angefangen haben zu singen. Dabei wollen viele gar nicht auf eine Bühne. Manche möchten einfach verstehen, was ihre Stimme noch kann und Musik mehr in ihren Alltag holen. 

Julia beschreibt, dass sie grundsätzlich ein leistungsorientierter Mensch ist. „Das ist manchmal auch nicht so gut.“ Und genau diese Leistungsorientierung hat sich beim Singen irgendwann nicht mehr hilfreich angefühlt.

Julia erkennt selbst die Parallele zum Leben: „Wenn ich früher mal was gesagt habe, habe ich das oft sehr schnell gemacht. Und da habe ich mittlerweile auch gelernt, dass eigentlich je langsamer ich spreche, desto mehr Gewicht haben meine Worte.“

Dieses schnelle Durchhuschen ist nicht einfach nur Sprechtempo. Es erzählt etwas darüber, wie viel Raum man sich selbst gibt. „Ich bin eigentlich gar nicht da, ich bin unsichtbar, ich sage jetzt nur ganz schnell irgendwas und dann bin ich wieder raus.“ Beim Singen funktioniert das aber nicht mehr so einfach. Plötzlich gib das Lied die Zeit vor: Töne müssen gehalten werden und Worte sich ausdehnen. Die Stimme soll mehr Raum einnehmen, als man es aus dem Alltag gewohnt ist.

Und plötzlich ist das Problem nicht nur: „Ich finde den Einsatz nicht.“

Sondern vielleicht eher: „Wie kann meine Stimme diesen Raum überhaupt füllen?“

Der Wendepunkt war kein Wendepunkt, sondern ein Kartoffelsack

Julia kam irgendwann an einen Punkt, an dem ihre frühere Gesangslehrerin sagte: „Du hast technisch eigentlich alles, was du brauchst. Du musst es jetzt nur noch weiter anwenden.“

Und Julia fragte sich: „Und jetzt?“

Was danach anders wurde, war nicht einfach eine neue Technik. Es war ein Spielraum, den wir für ihre Stimme gemeinsam in Stimm-Zauber geöffnet haben. 

Eine der Übungen, die Julia in unsrer Zusammenarbeit besonders hängen geblieben ist, klingt erstmal nicht nach klassischer Stimmbildung: Sich als Kartoffelsack fühlen. („Der ist öfters am Start, der Kartoffelsack.“)

Julia beschreibt, wie gut ihr das tut: sich hängen lassen, am Stuhl rumhängen, aus dieser Entspannung heraus mit der Stimme arbeiten. Gerade weil es so gegenteilig ist zu dem, was ihr Kopf denkt, wie es sein müsste. Denn klassisch ist beim Singen oft, dass man aufrecht stehen und dabei Haltung zeigen soll.

Aber was ist, wenn jemand im Alltag sowieso ständig Standing zeigen muss?

Julia arbeitet beruflich in Kontexten, in denen souveränes Auftreten und Kompetenz gefragt sind. Seminare, Vorträge, vor Menschen sprechen. Da ist dieses Aufrechte, Kompetente, Kontrollierte ohnehin ständig präsent. Dann kann es beim Singen einfach Sinn machen, nicht noch mehr Standing zu üben, sondern mal bewusst das Gegenteil.

„Wenn ich einen Kartoffelsack darstelle, empfinde ich es nicht so, dass ich irgendwie nicht den Raum einnehme, sondern eher im Gegenteil. Weil das für mich auch Raum einnehmen ist, das mal eben so machen zu dürfen.“

Ein feiner, aber wichtiger Unterschied: Raum einnehmen muss nicht immer bedeuten, größer, lauter, präsenter zu werden. Manchmal bedeutet es, sich selbst die Erlaubnis geben zu können ein bisschen mehr loszulassen.

Julia überträgt das mittlerweile in ihren beruflichen Alltag. Nicht, indem sie sich in Seminaren auf den Boden legt. Sondern indem sie lockerer wird in der Art, wie sie sich zeigt. „Warum muss ich Souveränität und Kompetenz über ein sehr steifes Auftreten rüberbringen? Warum kann ich das nicht auch mit einer lockeren Art machen?“

„Du singst Troy“ – und was das mit Selbstbild macht

Eine besonders prägnante Stelle der Folge führt zurück in Julias frühe Gesangserfahrung: Duett singen mit High School Musical Songs.

Julia bekam immer den tiefen Part: Troy. Nicht als liebevolle Wertschätzung ihrer tiefen Stimme, sondern eher als: Den Frauenpart kannst du nicht. „Das war halt keine schöne Verpackung für die Stimme von mir.“ Dieser Satz bleibt hängen, weil er so viel erklärt. Nicht nur über Julias Stimme, sondern über das, was beim Singen oft unbemerkt mitgelernt wird.

Eine tiefe Stimme kann etwas so Schönes sein: warmer, entspannter Klang. Etwas, das andere vielleicht gar nicht so leicht können.

Aber wenn sie verpackt wird wie ein Mangel, entsteht daraus schnell etwas, das auch Julia viele Jahre begleitet hat. Die Überzeugung: „Ich muss höher singen können, sonst bin ich keine gute Sängerin.“

Julia beschreibt später, wie sich die Wertschätzung ihrer tiefen Töne verändert hat. Besonders, dass auch ihre Sprechstimme tiefer wird, wenn sie entspannter wird. Trotzdem bleibt da manchmal dieser alte Reflex.

„Ich finde es nach wie vor auch ein bisschen schade, dass eben so tiefe Töne manchmal nicht so gefeiert werden.“

In der Folge geht es deshalb auch um Transponieren. Nicht als Notlösung, was viele immer noch damit verbinden. Sondern als  Erlaubnis, Musik auf die eigene Stimme anzupassen und seine eigene Version daraus zu zaubern.

Nicht: Ich schaffe das Original nicht, also bin ich keine gute Sängerin. –> Sondern: Es darf Julias Version werden.

Mit dem 4. Stimm-Zauber-Aspekt haben wir auch die Höhen trainiert. Sie sind bereits leichter für Julia, aber das „Müssen“ haben wir verabschiedet. Und genau dadurch entstand ein neuer Zugang für Julia zu ihrer Stimme: Nicht mehr gegen die eigene Stimme arbeiten zu müssen, sondern endlich mit ihr.

„Was möchte ich eigentlich?“

Am Ende frage ich Julia, was sie einer stillen Sängerin raten würde, die gerade an einem ähnlichen Punkt steht. 

Ich lieb Julias Antwort so sehr! Es ist eine Frage: „Was möchte ich eigentlich?“

Und sie sagt direkt dazu: Das muss keine Antwort für immer sein. „Was möchte ich jetzt gerade?“

Von dort aus kann man suchen. Nach einem Weg, der zum eigenen Ziel passt und nicht zu dem, was Gesangsunterricht angeblich sein muss.

Wichtig ist für Julia auch, andere Menschen reinzuholen.

Nicht im Sinne von: Mach dich abhängig.

Sondern im Sinne von: Du musst nicht alles in dir allein lösen, bevor du dich zeigen darfst.

„Ich bin kein Fan von diesem Ansatz, zu sagen, okay, ich muss alles in mir selber erst mal lernen und alles in mir selber haben.“

Gerade bei stillen Sängerinnen steckt oft die Idee dahinter: Meine Stimme muss erst gut genug sein, bevor ich sie zeigen darf.

Aber vielleicht entsteht Sicherheit nicht davor, sondern durch Erfahrungen mit en für dich richtigen Menschen auf diesem Weg.

An der Grenze tanzen

Aus dieser Folge mit Stimm-Zauber-Sängerin Julia möchte ich dir vor allem ein Bild mitgeben: Es geht beim Singen nicht darum, ständig über die eigene Grenzen zu gehen. Es geht eher darum an den Grenzpunkt zu kommen und dort sicherer zu werden.

So, dass sich deine Stimme aus diesem sicheren Spielen heraus von selber mehr ausdehnen kann.

Julia merkt beim Singen seitdem immer wieder: „Ah, da hat sich irgendwie was getan. Das geht jetzt leichter diese Stelle.“

Und ja das ist kein spektakulärer Wendepunkt und kein schneller Vorher-Nachher-Moment, wie man ihn manchmal in Reels auf Instagra sieht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

Dass Singen nicht immer ein Projekt sein muss, das man in Sekundenschnelle optimiert. Sondern ein Weg, auf dem das Gehen schon Freude und Vertrauen schenkt.

#12 Üben beim Singen wird komplett falsch verstanden✨

#12 Üben beim Singen wird komplett falsch verstanden✨

#12 Üben beim Singen wird komplett falsch verstanden

Eine Frage, die ich im Gesangsunterricht immer wieder höre:

„Hannah, ich brauche eine Übungsroutine. Was ist denn eine passende Routine? Wie oft muss ich üben, um gut singen zu können?“

Und ich verstehe diese Frage total. Wenn wir eine neue Fähigkeit lernen, denken wir oft: Ich muss es möglichst oft machen.

Wiederholung ist wichtig – und ja, sie schafft Sicherheit. Unser Körper darf Dinge ein paar Mal erleben, damit sie sich irgendwann automatisch in die Stimme mischen.

Aber gleichzeitig beobachte ich immer wieder, dass wir uns das Thema Üben unnötig schwer machen.

„Ich habe nicht geübt“

Ganz oft ist einer der ersten Sätze im Unterricht: „Ich will gleich sagen, dass ich nicht geübt habe.“

Wenn wir dann genauer hinschauen, kommt aber sowas wie:

  • „In der Küche habe ich gesungen und die eine Stelle ging leichter.“
  • „Im Auto hat es besser funktioniert.“
  • „Beim Sprechen habe ich meine Stimme anders wahrgenommen.“

Und dann wird plötzlich klar: Das ist auch Gesangstraining.

Viele denken, Üben zählt nur, wenn sie sich bewusst hinsetzen und Übungen durchgehen. Aber Stimme passiert ständig – und sie entwickelt sich auch in diesen kleinen Momenten im Alltag.

Gesangstraining ist nicht nur die Übung am Klavier

Natürlich sind technische Übungen sinnvoll. Aber Singen ist ein so weites Feld, dass wir uns nicht auf einen einzigen Weg festlegen müssen. Du musst dich nicht zwingen: „Ich muss jeden Tag 15 Minuten diese Übung machen.“

Vor allem nicht, wenn du merkst, dass du es eh nicht durchziehst.

Oft fehlt nicht Disziplin – sondern der Sinn dahinter. Wenn du verstehst, warum du etwas übst und was es dir später im Lied bringt, wird es automatisch leichter, dranzubleiben.

Üben ja – aber so, dass es in dein Leben passt

Singen üben kann also ganz unterschiedlich aussehen:

  • Atemübungen im Yoga
  • Singen im Auto
  • kleine Beobachtungen im Alltag
  • ein Lied nach der Arbeit
  • Übungen nebenbei beim Kochen

Das ist keine „falsche“ Art zu üben. Das ist oft genau der Weg, der wirklich funktioniert.

Weil er zu deinem Leben passt und sich natürlich in deinen Alltag integriert.

Es geht nicht um eine Routine, sondern um einen Rahmen

Für mich geht es weniger um eine feste Übungsroutine. Es geht darum, einen Rahmen zu finden, der zu dir passt:

  • zu deinem Alltag
  • zu deinen Kapazitäten
  • zu deiner Motivation

Einen Rahmen, der dich unterstützt und dich nicht noch weiter unter Druck zu setzt.

Vielleicht ist das ein fester Slot in der Woche (ich plane z.B. einmal die Woche ein Karaoke-Date zum Singen). Vielleicht ist es aber auch ein Lied am Abend oder einfach mehr Bewusstsein für dein Instrument = dein Körper im Alltag.

In meinen Stimm-Zauber-Gesangsstunden werden wir übrigens immer seeehr kreativ darin, die unterschiedlichsten „Routinen“ zu zaubern – eine, die zu dir und deinem Leben passt.

Take-away: Du darfst auch beim Üben auf dich hören

Du brauchst keine perfekte Übungsroutine – du brauchst einen Weg, der sich für dich machbar anfühlt.

Und vielleicht machst du jetzt schon viel mehr für deine Stimme, als dir bewusst ist.

Statt dich zu fragen: „Habe ich genug geübt?“

lass uns endlich betrachten: „Wo hat meine Stimme heute Raum bekommen?“

#10 „Sing einfach lauter“ ist kein guter Ratschlag im Gesangsunterricht✨

#10 „Sing einfach lauter“ ist kein guter Ratschlag im Gesangsunterricht✨

#10 Warum „sing einfach lauter“ kein hilfreicher Rat ist

Es gibt eine Art von Ratschlag, den meine Sängerinnen immer wieder in früherem Gesangsunterricht bekommen haben:

„Du musst einfach lauter singen.“
„Du musst mehr aus dir rauskommen.“
„Du musst lockerer werden.“
„Du musst einfach kräftiger singen.“

Und ich verstehe, woher dieser Satz kommt. Wenn eine Stimme sehr zurückgehalten klingt, ist natürlich oft das Ziel, dass sie irgendwann mehr Klang, mehr Kraft und mehr Präsenz bekommt.

Aber genau da liegt der Punkt: Lauter singen ist das Ziel – nicht die Anleitung.

  „Lauf halt einfach schneller“ hilft auch nicht

Ich nehme dafür total gerne das Beispiel mit der Leichtathletik. Wenn mein Ziel wäre, schneller zu rennen, würde es mir ja gar nichts bringen, wenn jemand sagt:

„Lauf halt einfach schneller.“

Ja, klar. Das ist das Ziel. Aber wie komme ich dahin?

Beim Laufen müsste man anschauen: Was führt dazu, dass ich schneller laufen kann?

Da spielen die Beine mit rein, die Ausdauer, die Motorik, die Muskeln. Das sind alles Dinge, die man getrennt voneinander und im Zusammenspiel miteinander trainiert, damit das natürliche Endergebnis ist:

Ich kann schneller laufen. Und so ist es auch mit lauter und kräftiger singen.

Ich kann dir nicht einfach sagen: „Sing halt mal lauter.“ Ohne dir zu zeigen, welche Aspekte da mit reinspielen.

Wenn du einfach nur lauter wirst, wird es oft anstrengend

Wenn du keine Technik hast, keine innere Erlaubnis, kein Körpergefühl dafür und dein Nervensystem eigentlich auf Rückzug steht, dann wird lauter singen meistens einfach anstrengend.

Viele erzählen mir dann von früheren Gesangsunterricht:

„Ich sollte mich halt mehr anstrengen.“
„Ich sollte einfach lauter werden.“
„Ich habe gemerkt, ich komme irgendwann an meine Grenze.“
„Ich bin fast heiser geworden.“

Und da schlage ich innerlich manchmal echt die Hände über dem Kopf zusammen. Weil es nicht sein kann, dass jemand in bezahlten Gesangsunterricht geht und als Lösung bekommt:

„Werde halt lauter.“ Teilweise sogar: „Schrei mal mehr.“ Wenn du dadurch heiser wirst, dich mehr verkrampfst oder es alleine nicht reproduzieren kannst, ist es total verständlich, dass dich das frustriert. Und es ist nicht deine Schuld.

Es ist nicht deine Aufgabe, von allein zu wissen, wie du lauter wirst

Es ist nicht deine Schuld, wenn du nicht von dir aus weißt, was du in deiner Stimme ansteuern kannst.

Es ist nicht deine Schuld, wenn du nicht automatisch weißt, wie du kräftiger singst, ohne zu drücken.

Und es ist nicht deine Schuld, wenn du bei „sing einfach lauter“ innerlich eher zumachst.

Genau dafür ist Gesangsunterricht ja eigentlich da:

  • Dir zu zeigen, was du beeinflussen kannst.
  • Welche Ansätze es gibt.
  • Was sich für dich gut anfühlt.
  • Wo du einen Effekt spürst.
  • Und wie du deine Stimme so trainierst, dass sie freier werden kann, ohne dass du über deine Grenze gehst.

Gute Anleitung braucht Flexibilität

Ich war selbst bei vielen verschiedenen Gesangslehrerinnen und Gesangslehrern und habe für mich immer wieder geschaut:

  • Was hat mich wirklich weitergebracht?
  • Wo habe ich eine Verbindung zu meiner Stimme bekommen?
  • Und wo bin ich eher verunsichert aus dem Unterricht gegangen?

Eine Hauptkomponente war für mich immer: Kann die Lehrperson flexibel auf mich eingehen?Oder zieht sie einfach Schema F durch?

Ein guter Unterricht sollte nicht nur auf der Realität der Lehrperson beruhen. Nur weil jemand selbst kein Problem damit hat, laut zu singen, aufzutreten oder sich zu zeigen, heißt das nicht, dass es für jede Sängerin genauso leicht ist.

Gerade stille Sängerinnen bringen einen eigenen Körper, eine eigene Geschichte und ein eigenes Selbstbild mit.

Und genau das muss im Unterricht Platz haben.

Du bist dem Unterricht nichts ausgeliefert

Das ist mir so wichtig: Du bist als stille Sängerin dem Gesangsunterricht nicht ausgeliefert.

Du darfst merken: Das passt für mich nicht. Ich komme eingeschüchtert aus der Stunde. Ich bin danach total angespannt. Ich fühle mich nicht ernst genommen. Dieser Ratschlag verschließt mich eher, als dass er mich öffnet.

Und du darfst das ernst nehmen.

Wenn du immer wieder das Gefühl hast, du bekommst nur unkonkrete Ansagen wie „sing halt lauter“, aber niemand zeigt dir, wie du dahin kommst, dann ist es verständlich, dass du frustriert bist.

Lauter singen braucht mehr als Mut

Gerade bei stillen Sängerinnen geht es oft nicht nur um Technik.

Natürlich gibt es technische Aspekte:

  • Atem.
  • Dynamische Tonführung.
  • Vokalplatzierung.
  • Stimmsitz.
  • Resonanz.
  • Natürliche Lauterzeugung.

All das hat Einfluss darauf, wie frei, kräftig und laut deine Stimme werden kann.

Aber daneben gibt es auch die gesangspsychologische Ebene.

Wenn dein Körper gerade eigentlich auf Rückzug steht, kannst du nicht einfach eine 180-Grad-Wende hinlegen und plötzlich voll in den Ausdruck gehen. Wenn dein Selbstbild davon geprägt ist, dass du immer eher leise, freundlich, angepasst und unauffällig bist, dann ist „sing lauter“ nicht einfach nur eine technische Aufgabe.

Dann kann das ein richtiger Identitätskonflikt sein.

Dein Nervensystem muss Ausdruck überhaupt zulassen können

Deswegen arbeite ich so gerne nervensystembasiert. Denn die Frage ist nicht nur: Wie wird deine Stimme lauter?

Sondern auch: Ist dein Körper überhaupt gerade in einem Zustand, in dem Ausdruck sicher ist?

Wenn dein Körper innerlich sagt:

„Ich will mich eigentlich verstecken.“
„Ich will nicht auffallen.“
„Ich will mich zurückziehen.“

Dann bringt es wenig, einfach mehr Druck auf die Stimme zu geben. Dann dürfen wir erstmal daran arbeiten, dass dein Körper Klang freigeben kann, ohne sich bedroht zu fühlen. Dass du dich sicherer fühlst, wenn du dich zeigst. Dass Ausdruck nicht sofort mit Überforderung gekoppelt ist.

Manche Klänge fühlen sich erstmal ungewohnt an

Gerade für lautere Sounds gibt es im Gesangsunterricht oft Übungen oder Tonerzeugungen, die erstmal ungewohnt sind. Manche klingen ein bisschen dümmlich, zickig und vielleicht auch erstmal nicht schön. Aber sie helfen, mehr Präsenz in die Stimme zu bekommen.

Und genau das sind oft Eigenschaften und Laute, die sich stille Sängerinnen im Alltag gar nicht erlauben. Deswegen kann da innerlich so viel Druck entstehen. Nicht, weil du falsch bist – sondern weil dein System beim Singen etwas machen soll, was es aus dem Alltag gar nicht gewohnt ist.

Deine Stimme lügt dich nicht an

Das ist vielleicht der wichtigste Reminder: Deine Stimme lügt dich nicht an.

Sie zeigt dir sehr ehrlich, was funktioniert und was nicht funktioniert.

Wenn du merkst: Dieser Ansatz verschließt mich noch mehr. Ich werde heiser. Ich verkrampfe. Ich fühle mich nicht sicherer, sondern kleiner. Dann darfst du das ernst nehmen. Das heißt nicht, dass du untalentiert bist. Das heißt vielleicht einfach, dass du einen anderen Ansatz brauchst.

Singen darf sich leicht und locker anfühlen

Ein guter Leitsatz ist für mich: Singen darf sich leicht und locker anfühlen.

Natürlich darf es fordernd sein. Natürlich darf man lernen, üben und neue Dinge entdecken. Aber Gesangsunterricht sollte nicht dazu führen, dass es für dich noch anstrengender wird. Er sollte dich darin unterstützen, mit weniger Druck mehr Zugang zu deiner Stimme zu bekommen.

Mit lockeren Ansätzen, mehr Aufatmen, Verbindung und Verständnis dafür, was deine Stimme braucht.

Singen ist eigentlich etwas sehr Natürliches. Stimme melodisch einzusetzen, ist nichts, was sich hart, eng oder verhärtet anfühlen sollte.

Und gerade wenn du in den Gesangsunterricht gehst, darf dieser Unterricht dich dabei unterstützen, wieder mehr dahin zurückzukommen: Ich darf meine Stimme freier einsetzen, ohne über eine Grenze zu gehen, die mir eigentlich zu viel ist

#09 Vibrato, Tränen & Atemnot? Deine Fragen – meine Antworten✨

#09 Vibrato, Tränen & Atemnot? Deine Fragen – meine Antworten✨

#09 Vibrato, Tränen & Atemnot? Deine Fragen – meine Antworten✨

Wie geht ein Vibrato?🎶 Bin ich mit über 60 zu alt für Vibrato?👀

Vibrato ist ein super schönes Ziel beim Singen, das ganz viel über die Stimme aussagt – nämlich, dass sie frei, entspannt und sicher schwingen kann. Es ist wie ein zartes Zittern um den Ton herum und sorgt für einen besonders hörbaren und angenehmen Klang. Aber: Ein Vibrato ist kein Trick, den man mit einer Übung lernt, sondern ein Endergebnis aus vielen Aspekten – wie Atemführung, Klangstabilität und Beweglichkeit (=Dynamik) in der Stimme.

Ich unterscheide gerne zwischen festen Stimmtypen (sehr treffsicher, oft etwas fest) und weichen Stimmtypen (luftig, fließend, oft weniger treffsicher). Vibrato ist quasi die perfekte Mitte: sicher und gleichzeitig beweglich. Wenn du fest singst, darfst du das Weiche lernen. Wenn du zu weich singst, darfst du mehr Treffsicherheit üben. Im einmaligen Stimm-Check schauen wir ganz individuell, ob du eher weich oder fest singst – und welche Qualitäten ergänzt werden dürfen, um das Schwingen in deiner Stimme zu fördern.

Und zwecks des Alters: Vibrato ist nichts, was nur jungen Stimmen vorbehalten ist. Entscheidend ist, wie dein Körper und deine Stimme zusammenspielen und ob du sie entsprechend trainierst – nicht dein Geburtsdatum. Die körperlichen Voraussetzungen, die ein Vibrato braucht, können auch im Alter erarbeitet werden – wenn keine medizinischen Einschränkungen vorliegen. Und manchmal ist das eigentliche Hindernis gar nicht die Stimme, sondern eher die Idee, dass es zu spät sein könnte. Spoiler: ist es nicht.

Wieso weine ich beim Singen?✨

Ach – etwas, das wir alle stille Sängerinnen bestimmt kennen. Und das kann mehrere Gründe haben – ich nenne dir mal die zwei häufigsten, die ich beobachte:

1. Weil dein Körper sich entspannt

Singen ist nicht nur Ausdruck, sondern auch Regulation. Wenn du mit deiner Stimme arbeitest – gerade wenn du in einem geschützten Rahmen bist – kann es sein, dass dein Körper plötzlich loslässt und aus dem Funktionieren aussteigt. Und manchmal bedeutet das: Es fließt etwas ab. Es wird weich in dir. Es darf endlich ein Release passieren. Du hast vielleicht vorher gar nicht gemerkt, wie sehr du dich innerlich festgehalten hast. Und mit einem Ton, mit einer Melodie – kommt plötzlich dieses Gefühl: Da darf jetzt endlich etwas loslassen.

2. Weil dich der Text berührt – oder etwas ausdrückt, wofür du keine Worte hattest

Manchmal singen wir ein Lied und es erwischt uns an einer Stelle so richtig. Weil da ein Satz steht, der etwas sagt, was du selbst nie aussprechen konntest. Oder weil dich die Melodie an etwas erinnert, was in dir gespeichert ist – vielleicht ein Gefühl, eine Erinnerung, ein Mensch, ein Abschied, ein Wunsch.

Und was dann passiert, ist: Das Singen wird zum Sprachrohr für dich. Das fühlt sich manchmal kurz überwältigend an – aber es ist auch so kraftvoll. Denn das heißt: Deine Stimme ist nicht nur Klang, sondern ein Ort, an dem du dich dir selbst wirklich zeigen kannst.

Ich unterscheide in meinen Stimm-Zauber-Gesangsstunden hierbei zwischen der Erlaubnishaltung (emotionaler Ausdruck) und der Entdeckerhaltung (technische Perspektive). Beides darf beim Singen je nach persönlichen Zielen unterschiedlich stark Raum haben. Ich finde es so schön, wenn man im Singen auch eine Möglichkeit für die eigenen Gefühle findet und sich berühren lassen kann. Gerade beim Auftreten ist es aber auch hilfreich, aus dieser emotionalen Ebene wechseln zu können – um sich nicht zu sehr von Liedtexten überrollen zu lassen, wenn wir z.B. auf einer Hochzeit singen und als Dienstleister für jemand anderen unsere Stimme einsetzen wollen.

Wie trainiere ich mein Lungenvolumen zum Singen?🎶

Die Frage, wie man das Lungenvolumen fürs Singen trainieren kann macht Sinn, auch weil sie super viele Sängerinnen beschäftigt. Gerade dieses Gefühl von: „Ich hab zu wenig Luft“, „Ich komme bei schnellen Liedern nicht hinterher“ oder „Ich krieg den Ton nicht gehalten“ ist einfach super verbreitet.

Und jetzt kommt etwas, das vielleicht erstmal kurz irritiert, aber ein bisschen den Druck rausnehmen kann: Es geht beim Singen gar nicht so sehr um „mehr Lungenvolumen“.

Ja, natürlich – wenn du regelmäßig Ausdauersport machst oder viel in Bewegung bist, atmest du bewusster, deine Atemfrequenz verändert sich, dein Körper ist besser versorgt mit Sauerstoff. Das ist eine super Grundlage. Aber fürs Singen an sich ist ein ganz anderer Blick entscheidend – und genau deshalb ist Atem der erste von sechs Aspekten in meiner Stimm-Zauber-Formel.

Weil du nicht mehr Luft brauchst – sondern lernen darfst, was du mit der vorhandenen Luft machst. Es ist ein Management-Thema.

Das Herzstück ist hier das Zwerchfell. Das ist die Muskulatur, die unterhalb deiner Lunge sitzt – und die deine Atembewegung überhaupt erst möglich macht. Du kannst deine Lunge nämlich nicht aktiv steuern. Aber dein Zwerchfell schon! Und genau das trainieren wir.

💡 Was heißt das konkret für dich? Statt zu denken: „Ich brauche mehr Luft“, darfst du dich fragen:

  • Kann ich die Luft, die ich habe, dosiert in meinen Gesang abgeben?

  • Kann ich mit meinem Körper die Spannung halten, ohne zu verkrampfen?

  • Kann ich lernen, meinen Atem zu containen, also zu halten – statt ihn zu schnell zu verlieren?

  • Habe ich ein Gefühl dafür, wann der nächste Atemimpuls wirklich gebraucht wird?

Wenn du das lernst – und genau das machen wir Schritt für Schritt bei Stimm-Zauber – dann wird deine Stimme ruhiger, stabiler, klangvoller.

Und dann entsteht auch das, was viele sich wünschen: Die Fähigkeit, lange Töne zu halten, kraftvoll zu singen, aber nicht zu drücken – weil du innerlich weißt: „Ich habe die Kontrolle.“

Und ganz wichtig: Dein Atem ist nicht nur Technik – er ist Verbindung zu deinem Körper. Deshalb ist er auch oft der Schlüssel, wenn es um Emotionen, Nervosität oder Unsicherheiten beim Singen geht. Deswegen starten wir mit diesem Aspekt bei Stimm-Zauber – weil er dein inneres Fundament zum Singen ist.

Wie kann ich mit anderen singen, wenn ich keine Noten lesen oder kein Instrument spielen kann?🩷

Erstmal keine Sorge: Ich kann bis heute keine Noten lesen – es ist also nicht zwingend notwendig um mit anderen zu Singen. Es geht bei dieser Frage aus Erfahrung vielmehr um innere Sicherheit: Kannst du Melodien nach Gehör nachsingen? Wie sicher fühlst du dich, wenn du ohne Originalsänger singst? Arbeitest du mit den Instrumenten oder gegen sie? Und das alles ist trainierbar.

Wichtig ist (und das wird aus Erfahrung auch in Gesangsstunden viel zu schnell übersprungen), dass du deine Stimme für dich erforschst und sicher machst – getrennt vom Playback oder Instrumenten. Das ist etwas wofür wir uns häufig nicht die Zeit nehmen, obwohl genau hier die innere Sicherheit zum Singen entstehen kann. In der Stimm-Zauber-Formel schauen wir uns dafür zuerst die ersten drei Aspekte deiner Stimme im jeweiligen Lied an, bevor es überhaupt an Liedtexte oder auf das Singen mit Instrumenten geht. Sprich wir wiederholen das Lied mit verschiedenen Übungen der Aspekte „Atem, Dynamik & Stabilität“ und übertragen es erst dann schrittweise auf Instrumente.

Wir bauen quasi eine innere Landkarte – ein Gefühl für das Lied. Dass du, wenn du irgendwo mitten in den Song springst, sofort wieder weißt, wo du bist. Und das verraten dir die Instrumente und kannst du nur lernen, wenn du anfängst selber und ohne Originalsänger zu singen. Das ist auch eine super Prävention für Blackouts bei Auftritten – weil du quasi wie eins mit dem Lied wirst und mit der Zeit dein Körper einfach das Singen übernehmen kann.

Ein super schöner Tipp hier für den Alltag: Du kannst anfangen beim Radio oder Spotify hören, dein Ohr zu schulen und dich nur auf einzelne Instrumente zu fokussieren, z.B. die Gitarre oder das Schlagzeug. Schaffst du es die einzelnen Instrumente herauszuhören?

Ich begleite dich gerne dabei, entspannter und selbstsicher mit anderen auf Instrumente zu singen in meinen ganzheitlichen Stimm-Zauber-Gesangsstunden.

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