#13 Kartoffelsack statt Performance? Julias Weg zu entspannterem Singenâš
#13 Kartoffelsack statt Performance? Julias Weg zu entspannterem Singen
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Was, wenn du gerne singst â aber eigentlich gar nicht auftreten willst?
Was, wenn du Gesangsunterricht nimmst, Technik lernst, besser wirst ⊠und dich trotzdem nicht wirklich frei fĂŒhlst?
In dieser Folge nimmt uns Julia mit in ihre Geschichte als stille SĂ€ngerin.
âIch wollte einfach nur fĂŒr mich singen.â
Julia war elf oder zwölf, als sie zum ersten Mal Gesangsunterricht nahm. Sie hatte immer gern gesungen, wollte irgendwas mit ihrer Stimme machen.
Doch was auch da war: dieses GefĂŒhl, dass Singen sofort irgendwohin fĂŒhren soll.
Musikschule, Schuljahresabschluss, Veranstaltung, alle SchĂŒlerinnen und SchĂŒler spielen ihr Instrument oder singen vor. FĂŒr die Meisten ist das der normale Ablauf. FĂŒr Julia war es eher der Moment, in dem sie innerlich ausgestiegen ist.
âIch möchte das nicht.â
SpĂ€ter, als Erwachsene, kam Julia wieder zum Gesangsunterricht. Diesmal war der Fokus ein anderer: besser werden, Technik festigen und ihre Stimme gezielt aufbauen. Die Lehrerin war gut, technisch sogar sehr gut. Aber auch dort war wieder dieses subtile GefĂŒhl mit dabei irgendwann doch mal auftreten zu sollen. FĂŒr irgendwas soll das Ganze doch gut genug sein.
Doch Julia war nie in diesem Auftritts-Modus: „Ich wollte das einerseits nicht, weil ich mich nicht getraut habe und ich weiĂ gar nicht, ob im Auftreten fĂŒr mich ĂŒberhaupt so ein Reiz drin gelegen ist.â
Genau an dieser Stelle beginnt unser GesprÀch: Nicht mit der Frage: Wie singt man technisch besser? Sondern: Was passiert, wenn man Singen liebt, aber den Weg nicht gehen möchte, der oft automatisch dazugehört?
Wenn Singen plötzlich ein Leistungsprojekt wird
Stille SĂ€ngerinnen kennen Druck, noch bevor sie ĂŒberhaupt richtig angefangen haben zu singen. Dabei wollen viele gar nicht auf eine BĂŒhne. Manche möchten einfach verstehen, was ihre Stimme noch kann und Musik mehr in ihren Alltag holen.Â
Julia beschreibt, dass sie grundsĂ€tzlich ein leistungsorientierter Mensch ist. âDas ist manchmal auch nicht so gut.â Und genau diese Leistungsorientierung hat sich beim Singen irgendwann nicht mehr hilfreich angefĂŒhlt.
Julia erkennt selbst die Parallele zum Leben: âWenn ich frĂŒher mal was gesagt habe, habe ich das oft sehr schnell gemacht. Und da habe ich mittlerweile auch gelernt, dass eigentlich je langsamer ich spreche, desto mehr Gewicht haben meine Worte.â
Dieses schnelle Durchhuschen ist nicht einfach nur Sprechtempo. Es erzĂ€hlt etwas darĂŒber, wie viel Raum man sich selbst gibt. âIch bin eigentlich gar nicht da, ich bin unsichtbar, ich sage jetzt nur ganz schnell irgendwas und dann bin ich wieder raus.â Beim Singen funktioniert das aber nicht mehr so einfach. Plötzlich gib das Lied die Zeit vor: Töne mĂŒssen gehalten werden und Worte sich ausdehnen. Die Stimme soll mehr Raum einnehmen, als man es aus dem Alltag gewohnt ist.
Und plötzlich ist das Problem nicht nur: âIch finde den Einsatz nicht.â
Sondern vielleicht eher: âWie kann meine Stimme diesen Raum ĂŒberhaupt fĂŒllen?â
Der Wendepunkt war kein Wendepunkt, sondern ein Kartoffelsack
Julia kam irgendwann an einen Punkt, an dem ihre frĂŒhere Gesangslehrerin sagte: „Du hast technisch eigentlich alles, was du brauchst. Du musst es jetzt nur noch weiter anwenden.“
Und Julia fragte sich: âUnd jetzt?â
Was danach anders wurde, war nicht einfach eine neue Technik. Es war ein Spielraum, den wir fĂŒr ihre Stimme gemeinsam in Stimm-Zauber geöffnet haben.Â
Eine der Ăbungen, die Julia in unsrer Zusammenarbeit besonders hĂ€ngen geblieben ist, klingt erstmal nicht nach klassischer Stimmbildung: Sich als Kartoffelsack fĂŒhlen. (âDer ist öfters am Start, der Kartoffelsack.â)
Julia beschreibt, wie gut ihr das tut: sich hĂ€ngen lassen, am Stuhl rumhĂ€ngen, aus dieser Entspannung heraus mit der Stimme arbeiten. Gerade weil es so gegenteilig ist zu dem, was ihr Kopf denkt, wie es sein mĂŒsste. Denn klassisch ist beim Singen oft, dass man aufrecht stehen und dabei Haltung zeigen soll.
Aber was ist, wenn jemand im Alltag sowieso stÀndig Standing zeigen muss?
Julia arbeitet beruflich in Kontexten, in denen souverĂ€nes Auftreten und Kompetenz gefragt sind. Seminare, VortrĂ€ge, vor Menschen sprechen. Da ist dieses Aufrechte, Kompetente, Kontrollierte ohnehin stĂ€ndig prĂ€sent. Dann kann es beim Singen einfach Sinn machen, nicht noch mehr Standing zu ĂŒben, sondern mal bewusst das Gegenteil.
âWenn ich einen Kartoffelsack darstelle, empfinde ich es nicht so, dass ich irgendwie nicht den Raum einnehme, sondern eher im Gegenteil. Weil das fĂŒr mich auch Raum einnehmen ist, das mal eben so machen zu dĂŒrfen.â
Ein feiner, aber wichtiger Unterschied: Raum einnehmen muss nicht immer bedeuten, gröĂer, lauter, prĂ€senter zu werden. Manchmal bedeutet es, sich selbst die Erlaubnis geben zu können ein bisschen mehr loszulassen.
Julia ĂŒbertrĂ€gt das mittlerweile in ihren beruflichen Alltag. Nicht, indem sie sich in Seminaren auf den Boden legt. Sondern indem sie lockerer wird in der Art, wie sie sich zeigt. âWarum muss ich SouverĂ€nitĂ€t und Kompetenz ĂŒber ein sehr steifes Auftreten rĂŒberbringen? Warum kann ich das nicht auch mit einer lockeren Art machen?â
„Du singst Troyâ â und was das mit Selbstbild macht
Eine besonders prĂ€gnante Stelle der Folge fĂŒhrt zurĂŒck in Julias frĂŒhe Gesangserfahrung: Duett singen mit High School Musical Songs.
Julia bekam immer den tiefen Part: Troy. Nicht als liebevolle WertschĂ€tzung ihrer tiefen Stimme, sondern eher als: Den Frauenpart kannst du nicht. âDas war halt keine schöne Verpackung fĂŒr die Stimme von mir.â Dieser Satz bleibt hĂ€ngen, weil er so viel erklĂ€rt. Nicht nur ĂŒber Julias Stimme, sondern ĂŒber das, was beim Singen oft unbemerkt mitgelernt wird.
Eine tiefe Stimme kann etwas so Schönes sein: warmer, entspannter Klang. Etwas, das andere vielleicht gar nicht so leicht können.
Aber wenn sie verpackt wird wie ein Mangel, entsteht daraus schnell etwas, das auch Julia viele Jahre begleitet hat. Die Ăberzeugung: „Ich muss höher singen können, sonst bin ich keine gute SĂ€ngerin.“
Julia beschreibt spÀter, wie sich die WertschÀtzung ihrer tiefen Töne verÀndert hat. Besonders, dass auch ihre Sprechstimme tiefer wird, wenn sie entspannter wird. Trotzdem bleibt da manchmal dieser alte Reflex.
âIch finde es nach wie vor auch ein bisschen schade, dass eben so tiefe Töne manchmal nicht so gefeiert werden.â
In der Folge geht es deshalb auch um Transponieren. Nicht als Notlösung, was viele immer noch damit verbinden. Sondern als Erlaubnis, Musik auf die eigene Stimme anzupassen und seine eigene Version daraus zu zaubern.
Nicht: Ich schaffe das Original nicht, also bin ich keine gute SĂ€ngerin. –> Sondern: Es darf Julias Version werden.
Mit dem 4. Stimm-Zauber-Aspekt haben wir auch die Höhen trainiert. Sie sind bereits leichter fĂŒr Julia, aber das „MĂŒssen“ haben wir verabschiedet. Und genau dadurch entstand ein neuer Zugang fĂŒr Julia zu ihrer Stimme: Nicht mehr gegen die eigene Stimme arbeiten zu mĂŒssen, sondern endlich mit ihr.
„Was möchte ich eigentlich?“
Am Ende frage ich Julia, was sie einer stillen SĂ€ngerin raten wĂŒrde, die gerade an einem Ă€hnlichen Punkt steht.Â
Ich lieb Julias Antwort so sehr! Es ist eine Frage: âWas möchte ich eigentlich?â
Und sie sagt direkt dazu: Das muss keine Antwort fĂŒr immer sein. âWas möchte ich jetzt gerade?â
Von dort aus kann man suchen. Nach einem Weg, der zum eigenen Ziel passt und nicht zu dem, was Gesangsunterricht angeblich sein muss.
Wichtig ist fĂŒr Julia auch, andere Menschen reinzuholen.
Nicht im Sinne von: Mach dich abhÀngig.
Sondern im Sinne von: Du musst nicht alles in dir allein lösen, bevor du dich zeigen darfst.
âIch bin kein Fan von diesem Ansatz, zu sagen, okay, ich muss alles in mir selber erst mal lernen und alles in mir selber haben.â
Gerade bei stillen SĂ€ngerinnen steckt oft die Idee dahinter: Meine Stimme muss erst gut genug sein, bevor ich sie zeigen darf.
Aber vielleicht entsteht Sicherheit nicht davor, sondern durch Erfahrungen mit en fĂŒr dich richtigen Menschen auf diesem Weg.
An der Grenze tanzen
Aus dieser Folge mit Stimm-Zauber-SĂ€ngerin Julia möchte ich dir vor allem ein Bild mitgeben: Es geht beim Singen nicht darum, stĂ€ndig ĂŒber die eigene Grenzen zu gehen. Es geht eher darum an den Grenzpunkt zu kommen und dort sicherer zu werden.
So, dass sich deine Stimme aus diesem sicheren Spielen heraus von selber mehr ausdehnen kann.
Julia merkt beim Singen seitdem immer wieder: âAh, da hat sich irgendwie was getan. Das geht jetzt leichter diese Stelle.“
Und ja das ist kein spektakulÀrer Wendepunkt und kein schneller Vorher-Nachher-Moment, wie man ihn manchmal in Reels auf Instagra sieht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.
Dass Singen nicht immer ein Projekt sein muss, das man in Sekundenschnelle optimiert. Sondern ein Weg, auf dem das Gehen schon Freude und Vertrauen schenkt.