#13 Kartoffelsack statt Performance? Julias Weg zu entspannterem Singen✨

#13 Kartoffelsack statt Performance? Julias Weg zu entspannterem Singen✨

#13 Kartoffelsack statt Performance? Julias Weg zu entspannterem Singen

Was, wenn du gerne singst – aber eigentlich gar nicht auftreten willst?

Was, wenn du Gesangsunterricht nimmst, Technik lernst, besser wirst … und dich trotzdem nicht wirklich frei fühlst?

In dieser Folge nimmt uns Julia mit in ihre Geschichte als stille Sängerin.

„Ich wollte einfach nur für mich singen.“

Julia war elf oder zwölf, als sie zum ersten Mal Gesangsunterricht nahm. Sie hatte immer gern gesungen, wollte irgendwas mit ihrer Stimme machen.

Doch was auch da war: dieses Gefühl, dass Singen sofort irgendwohin führen soll.

Musikschule, Schuljahresabschluss, Veranstaltung, alle Schülerinnen und Schüler spielen ihr Instrument oder singen vor. Für die Meisten ist das der normale Ablauf. Für Julia war es eher der Moment, in dem sie innerlich ausgestiegen ist.

„Ich möchte das nicht.“

Später, als Erwachsene, kam Julia wieder zum Gesangsunterricht. Diesmal war der Fokus ein anderer: besser werden, Technik festigen und ihre Stimme gezielt aufbauen. Die Lehrerin war gut, technisch sogar sehr gut. Aber auch dort war wieder dieses subtile Gefühl mit dabei irgendwann doch mal auftreten zu sollen. Für irgendwas soll das Ganze doch gut genug sein.

Doch Julia war nie in diesem Auftritts-Modus: „Ich wollte das einerseits nicht, weil ich mich nicht getraut habe und ich weiß gar nicht, ob im Auftreten für mich überhaupt so ein Reiz drin gelegen ist.“

Genau an dieser Stelle beginnt unser Gespräch: Nicht mit der Frage: Wie singt man technisch besser? Sondern: Was passiert, wenn man Singen liebt, aber den Weg nicht gehen möchte, der oft automatisch dazugehört?

Wenn Singen plötzlich ein Leistungsprojekt wird

Stille Sängerinnen kennen Druck, noch bevor sie überhaupt richtig angefangen haben zu singen. Dabei wollen viele gar nicht auf eine Bühne. Manche möchten einfach verstehen, was ihre Stimme noch kann und Musik mehr in ihren Alltag holen. 

Julia beschreibt, dass sie grundsätzlich ein leistungsorientierter Mensch ist. „Das ist manchmal auch nicht so gut.“ Und genau diese Leistungsorientierung hat sich beim Singen irgendwann nicht mehr hilfreich angefühlt.

Julia erkennt selbst die Parallele zum Leben: „Wenn ich früher mal was gesagt habe, habe ich das oft sehr schnell gemacht. Und da habe ich mittlerweile auch gelernt, dass eigentlich je langsamer ich spreche, desto mehr Gewicht haben meine Worte.“

Dieses schnelle Durchhuschen ist nicht einfach nur Sprechtempo. Es erzählt etwas darüber, wie viel Raum man sich selbst gibt. „Ich bin eigentlich gar nicht da, ich bin unsichtbar, ich sage jetzt nur ganz schnell irgendwas und dann bin ich wieder raus.“ Beim Singen funktioniert das aber nicht mehr so einfach. Plötzlich gib das Lied die Zeit vor: Töne müssen gehalten werden und Worte sich ausdehnen. Die Stimme soll mehr Raum einnehmen, als man es aus dem Alltag gewohnt ist.

Und plötzlich ist das Problem nicht nur: „Ich finde den Einsatz nicht.“

Sondern vielleicht eher: „Wie kann meine Stimme diesen Raum überhaupt füllen?“

Der Wendepunkt war kein Wendepunkt, sondern ein Kartoffelsack

Julia kam irgendwann an einen Punkt, an dem ihre frühere Gesangslehrerin sagte: „Du hast technisch eigentlich alles, was du brauchst. Du musst es jetzt nur noch weiter anwenden.“

Und Julia fragte sich: „Und jetzt?“

Was danach anders wurde, war nicht einfach eine neue Technik. Es war ein Spielraum, den wir für ihre Stimme gemeinsam in Stimm-Zauber geöffnet haben. 

Eine der Übungen, die Julia in unsrer Zusammenarbeit besonders hängen geblieben ist, klingt erstmal nicht nach klassischer Stimmbildung: Sich als Kartoffelsack fühlen. („Der ist öfters am Start, der Kartoffelsack.“)

Julia beschreibt, wie gut ihr das tut: sich hängen lassen, am Stuhl rumhängen, aus dieser Entspannung heraus mit der Stimme arbeiten. Gerade weil es so gegenteilig ist zu dem, was ihr Kopf denkt, wie es sein müsste. Denn klassisch ist beim Singen oft, dass man aufrecht stehen und dabei Haltung zeigen soll.

Aber was ist, wenn jemand im Alltag sowieso ständig Standing zeigen muss?

Julia arbeitet beruflich in Kontexten, in denen souveränes Auftreten und Kompetenz gefragt sind. Seminare, Vorträge, vor Menschen sprechen. Da ist dieses Aufrechte, Kompetente, Kontrollierte ohnehin ständig präsent. Dann kann es beim Singen einfach Sinn machen, nicht noch mehr Standing zu üben, sondern mal bewusst das Gegenteil.

„Wenn ich einen Kartoffelsack darstelle, empfinde ich es nicht so, dass ich irgendwie nicht den Raum einnehme, sondern eher im Gegenteil. Weil das für mich auch Raum einnehmen ist, das mal eben so machen zu dürfen.“

Ein feiner, aber wichtiger Unterschied: Raum einnehmen muss nicht immer bedeuten, größer, lauter, präsenter zu werden. Manchmal bedeutet es, sich selbst die Erlaubnis geben zu können ein bisschen mehr loszulassen.

Julia überträgt das mittlerweile in ihren beruflichen Alltag. Nicht, indem sie sich in Seminaren auf den Boden legt. Sondern indem sie lockerer wird in der Art, wie sie sich zeigt. „Warum muss ich Souveränität und Kompetenz über ein sehr steifes Auftreten rüberbringen? Warum kann ich das nicht auch mit einer lockeren Art machen?“

„Du singst Troy“ – und was das mit Selbstbild macht

Eine besonders prägnante Stelle der Folge führt zurück in Julias frühe Gesangserfahrung: Duett singen mit High School Musical Songs.

Julia bekam immer den tiefen Part: Troy. Nicht als liebevolle Wertschätzung ihrer tiefen Stimme, sondern eher als: Den Frauenpart kannst du nicht. „Das war halt keine schöne Verpackung für die Stimme von mir.“ Dieser Satz bleibt hängen, weil er so viel erklärt. Nicht nur über Julias Stimme, sondern über das, was beim Singen oft unbemerkt mitgelernt wird.

Eine tiefe Stimme kann etwas so Schönes sein: warmer, entspannter Klang. Etwas, das andere vielleicht gar nicht so leicht können.

Aber wenn sie verpackt wird wie ein Mangel, entsteht daraus schnell etwas, das auch Julia viele Jahre begleitet hat. Die Überzeugung: „Ich muss höher singen können, sonst bin ich keine gute Sängerin.“

Julia beschreibt später, wie sich die Wertschätzung ihrer tiefen Töne verändert hat. Besonders, dass auch ihre Sprechstimme tiefer wird, wenn sie entspannter wird. Trotzdem bleibt da manchmal dieser alte Reflex.

„Ich finde es nach wie vor auch ein bisschen schade, dass eben so tiefe Töne manchmal nicht so gefeiert werden.“

In der Folge geht es deshalb auch um Transponieren. Nicht als Notlösung, was viele immer noch damit verbinden. Sondern als  Erlaubnis, Musik auf die eigene Stimme anzupassen und seine eigene Version daraus zu zaubern.

Nicht: Ich schaffe das Original nicht, also bin ich keine gute Sängerin. –> Sondern: Es darf Julias Version werden.

Mit dem 4. Stimm-Zauber-Aspekt haben wir auch die Höhen trainiert. Sie sind bereits leichter für Julia, aber das „Müssen“ haben wir verabschiedet. Und genau dadurch entstand ein neuer Zugang für Julia zu ihrer Stimme: Nicht mehr gegen die eigene Stimme arbeiten zu müssen, sondern endlich mit ihr.

„Was möchte ich eigentlich?“

Am Ende frage ich Julia, was sie einer stillen Sängerin raten würde, die gerade an einem ähnlichen Punkt steht. 

Ich lieb Julias Antwort so sehr! Es ist eine Frage: „Was möchte ich eigentlich?“

Und sie sagt direkt dazu: Das muss keine Antwort für immer sein. „Was möchte ich jetzt gerade?“

Von dort aus kann man suchen. Nach einem Weg, der zum eigenen Ziel passt und nicht zu dem, was Gesangsunterricht angeblich sein muss.

Wichtig ist für Julia auch, andere Menschen reinzuholen.

Nicht im Sinne von: Mach dich abhängig.

Sondern im Sinne von: Du musst nicht alles in dir allein lösen, bevor du dich zeigen darfst.

„Ich bin kein Fan von diesem Ansatz, zu sagen, okay, ich muss alles in mir selber erst mal lernen und alles in mir selber haben.“

Gerade bei stillen Sängerinnen steckt oft die Idee dahinter: Meine Stimme muss erst gut genug sein, bevor ich sie zeigen darf.

Aber vielleicht entsteht Sicherheit nicht davor, sondern durch Erfahrungen mit en für dich richtigen Menschen auf diesem Weg.

An der Grenze tanzen

Aus dieser Folge mit Stimm-Zauber-Sängerin Julia möchte ich dir vor allem ein Bild mitgeben: Es geht beim Singen nicht darum, ständig über die eigene Grenzen zu gehen. Es geht eher darum an den Grenzpunkt zu kommen und dort sicherer zu werden.

So, dass sich deine Stimme aus diesem sicheren Spielen heraus von selber mehr ausdehnen kann.

Julia merkt beim Singen seitdem immer wieder: „Ah, da hat sich irgendwie was getan. Das geht jetzt leichter diese Stelle.“

Und ja das ist kein spektakulärer Wendepunkt und kein schneller Vorher-Nachher-Moment, wie man ihn manchmal in Reels auf Instagra sieht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

Dass Singen nicht immer ein Projekt sein muss, das man in Sekundenschnelle optimiert. Sondern ein Weg, auf dem das Gehen schon Freude und Vertrauen schenkt.

#12 Üben beim Singen wird komplett falsch verstanden✨

#12 Üben beim Singen wird komplett falsch verstanden✨

#12 Üben beim Singen wird komplett falsch verstanden

Eine Frage, die ich im Gesangsunterricht immer wieder höre:

„Hannah, ich brauche eine Übungsroutine. Was ist denn eine passende Routine? Wie oft muss ich üben, um gut singen zu können?“

Und ich verstehe diese Frage total. Wenn wir eine neue Fähigkeit lernen, denken wir oft: Ich muss es möglichst oft machen.

Wiederholung ist wichtig – und ja, sie schafft Sicherheit. Unser Körper darf Dinge ein paar Mal erleben, damit sie sich irgendwann automatisch in die Stimme mischen.

Aber gleichzeitig beobachte ich immer wieder, dass wir uns das Thema Üben unnötig schwer machen.

„Ich habe nicht geübt“

Ganz oft ist einer der ersten Sätze im Unterricht: „Ich will gleich sagen, dass ich nicht geübt habe.“

Wenn wir dann genauer hinschauen, kommt aber sowas wie:

  • „In der Küche habe ich gesungen und die eine Stelle ging leichter.“
  • „Im Auto hat es besser funktioniert.“
  • „Beim Sprechen habe ich meine Stimme anders wahrgenommen.“

Und dann wird plötzlich klar: Das ist auch Gesangstraining.

Viele denken, Üben zählt nur, wenn sie sich bewusst hinsetzen und Übungen durchgehen. Aber Stimme passiert ständig – und sie entwickelt sich auch in diesen kleinen Momenten im Alltag.

Gesangstraining ist nicht nur die Übung am Klavier

Natürlich sind technische Übungen sinnvoll. Aber Singen ist ein so weites Feld, dass wir uns nicht auf einen einzigen Weg festlegen müssen. Du musst dich nicht zwingen: „Ich muss jeden Tag 15 Minuten diese Übung machen.“

Vor allem nicht, wenn du merkst, dass du es eh nicht durchziehst.

Oft fehlt nicht Disziplin – sondern der Sinn dahinter. Wenn du verstehst, warum du etwas übst und was es dir später im Lied bringt, wird es automatisch leichter, dranzubleiben.

Üben ja – aber so, dass es in dein Leben passt

Singen üben kann also ganz unterschiedlich aussehen:

  • Atemübungen im Yoga
  • Singen im Auto
  • kleine Beobachtungen im Alltag
  • ein Lied nach der Arbeit
  • Übungen nebenbei beim Kochen

Das ist keine „falsche“ Art zu üben. Das ist oft genau der Weg, der wirklich funktioniert.

Weil er zu deinem Leben passt und sich natürlich in deinen Alltag integriert.

Es geht nicht um eine Routine, sondern um einen Rahmen

Für mich geht es weniger um eine feste Übungsroutine. Es geht darum, einen Rahmen zu finden, der zu dir passt:

  • zu deinem Alltag
  • zu deinen Kapazitäten
  • zu deiner Motivation

Einen Rahmen, der dich unterstützt und dich nicht noch weiter unter Druck zu setzt.

Vielleicht ist das ein fester Slot in der Woche (ich plane z.B. einmal die Woche ein Karaoke-Date zum Singen). Vielleicht ist es aber auch ein Lied am Abend oder einfach mehr Bewusstsein für dein Instrument = dein Körper im Alltag.

In meinen Stimm-Zauber-Gesangsstunden werden wir übrigens immer seeehr kreativ darin, die unterschiedlichsten „Routinen“ zu zaubern – eine, die zu dir und deinem Leben passt.

Take-away: Du darfst auch beim Üben auf dich hören

Du brauchst keine perfekte Übungsroutine – du brauchst einen Weg, der sich für dich machbar anfühlt.

Und vielleicht machst du jetzt schon viel mehr für deine Stimme, als dir bewusst ist.

Statt dich zu fragen: „Habe ich genug geübt?“

lass uns endlich betrachten: „Wo hat meine Stimme heute Raum bekommen?“

#11 Warum Peinlichkeit beim Singen oft ein gutes Zeichen ist✨

#11 Warum Peinlichkeit beim Singen oft ein gutes Zeichen ist✨

#11 Warum Peinlichkeit beim Singen oft ein gutes Zeichen ist✨

Singen und die eigene Stimme zu hören, ist für viele Menschen fast schon peinlich. Nicht nur ein bisschen ungewohnt. Sondern wirklich so ein inneres Zusammenziehen.

  • „Oh Gott, hoffentlich hat das niemand gehört.“
  • „So kann man das ja nicht anhören.“
  • „Ich kann aber nicht singen.“
  • „Wenn überhaupt, dann nur in der Dusche.“

Und ich finde das so traurig, weil dieses Gefühl scheinbar fast kollektiv in uns steckt:

„Singen und Stimme ist nichts für mich. Dafür muss man irgendwie professionell ausgewählt sein.“

Dabei ist dieses Peinlichkeitsgefühl beim Singen nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass deine Stimme schlecht ist. Oft ist es eher ein Zeichen dafür, dass du gerade an eine Schwelle kommst, an der mehr Ausdruck, mehr Klang und mehr innere Erlaubnis möglich werden.

Deine Stimme muss nicht erst perfekt sein, damit du sie zeigen darfst

Wenn wir uns mit unserer Stimme schämen, geht es oft sehr schnell um Korrektur.

Dann kommt sofort dieser Gedanke:

  • Ich muss erst besser werden.
  • Ich muss erst schöner klingen.
  • Ich muss erst die richtige Technik lernen.
  • = Dann darf ich meine Stimme zeigen.

Und ja, Gesangsunterricht darf natürlich helfen, dass du deiner Stimme mehr vertrauen kannst. Dass sie freier klingt. Dass du sicherer wirst. Dass du besser verstehst, was du da eigentlich machst. Aber ganz oft ist der Weg nicht, noch mehr Kontrolle in die Stimme zu bringen. Oft geht es eher darum, eine viel zu kontrollierte Stimme wieder locker werden zu lassen.

Freier Ausdruck ist in unserer Welt nicht besonders normal

Wir leben in einer Gesellschaft, in der freier Ausdruck nicht besonders normal ist.

Damit meine ich nicht freie Meinungsäußerung. Ich meine: Mit welchen Lauten, Klangfarben und körperlichen Ausdrucksformen bewegen wir uns eigentlich durch die Welt? Wenn wir sprechen, nutzen wir meistens nur einen sehr kleinen Bereich unserer Stimme. Einen Bereich, der sozial geduldet ist. Angemessen. Kontrolliert. Nicht zu viel.

Beim Singen ist das anders. Beim Singen nutzen wir mehr Körper, Klang, Raum, Luft. & Emotion = mehr von uns.

Und genau das kann sich erstmal komisch anfühlen.

Als Baby war dir deine Stimme nicht peinlich

Ich spreche im Unterricht gerne über Wellenausschläge. Wenn wir als Babys auf die Welt kommen, sind wir in einem komplett körperlichen Ausdruck.

Da ist es uns egal, was Nachbar Gerd darüber denkt, wenn wir nachts um 3 Uhr schreien, weil wir eine neue Windel brauchen oder irgendein anderes Bedürfnis haben. Dieser körperliche Ausdruck ist einfach da.

Natürlich ist das nicht mein Ziel zu sagen: Wenn du singen möchtest, muss dir alles egal sein. Nein. Aber wir kommen mit einer großen Selbstverständlichkeit auf die Welt, mit Stimme und Körper Raum einzunehmen. Und mit der Zeit lernen wir, uns anzupassen.

Der Ausschlag wird kleiner

Spätestens in der Schule lernen wir:

  • So schreibt man.
  • So rechnet man.
  • So spricht man.
  • So bewegt man sich.
  • So bekommt man gute Noten.
  • So gehört man dazu.

Wir sitzen still. Wir sagen es „richtig“. Wir bewegen uns normal.

Als Erwachsene hüpfen wir meistens nicht mehr einfach die Straße entlang, nur weil wir es könnten. Wir machen keinen Seitgalopp durch die Stadt, just for fun. Wir laufen normal.

Und genauso ist es mit der Stimme. Wir hätten so viele Möglichkeiten, unsere Stimme einzusetzen. Aber meistens halten wir sie in einem Radius, der akzeptiert ist. Und wenn wir anfangen zu singen, gehen wir plötzlich wieder in einen größeren Wellenausschlag.

Und die erste Reaktion ist dann oft nicht: „Juhu, ich zeige mich mehr.“

Sondern eher: „Oh Gott. Was passiert hier? Das ist anders. Das ist peinlich.“

Peinlichkeit ist oft ein Schutzgefühl

Peinlichkeit ist häufig ein Gefühl, das Sicherheit vermitteln soll. So nach dem Motto:

  • Achtung, das ist neu.
  • Achtung, das ist gefährlich.
  • Achtung, geh lieber nicht zu weit raus.

Wenn ich Peinlichkeit beim Singen wahrnehme, ist das für mich oft ein Zeichen: Aha. Wir stehen gerade an einem Punkt, an dem mehr Stimme freigeschaltet wird. Und jetzt geht es nicht darum, dieses Gefühl wegzudrücken.

Sondern darum zu schauen:

  • Wie gehen wir mit dieser Peinlichkeit um?
  • Was liegt dahinter?
  • Wie viel Klang oder Ausdruck möchte da eigentlich kommen?

Wir bewerten uns oft schon, bevor andere es tun

Die automatisierte Reaktion bei Peinlichkeit ist oft:

  • „Oh mein Gott, hoffentlich hat das keiner gehört.“
  • „Wie klingt meine Stimme?“
  • „Das kann man ja so nicht anhören.“

Das ist eigentlich eine Bewertung von außen, die wir schon selbst übernehmen. Wir denken schon das, was andere vielleicht denken könnten. Und werten uns ab, damit wir uns wieder zurücknehmen.

Aber was wäre, wenn du etwas schief singst und damit nicht direkt ein Problem hättest? Was wäre, wenn du zehn Versuche machst, acht davon schräg klingen und erst der neunte gut ist? Beim Singen ist das oft die natürliche Prozedur.

Es ist viel Try and Error. Wir kommen nicht darum herum, uns immer wieder auch mit einer Stimme zu konfrontieren, die wir vielleicht erstmal nicht schön finden. Das Problem ist nicht, dass da etwas falsch ist. Das Problem ist, dass wir bei Peinlichkeit sofort denken: Jetzt ist etwas falsch mit mir.

    Der Wechsel: Peinlichkeit kann eine Schwelle sein

    Peinlichkeit kann ein Indikator dafür sein, dass du an einer neuen Schwelle für innere Erlaubnis und innere Freiheit stehst.

    Wenn du es schaffst, mit einem schiefen Ton klarzukommen, darüber zu lachen oder dich nicht sofort persönlich abzuwerten, dann entsteht da etwas. Nicht nur beim Singen – sondern oft auch im Leben.

    Weil Stimme so persönlich ist, kann die Arbeit mit der Stimme auch persönliches Vertrauen festigen. Wenn wir hinter unserer Stimme stehen, wenn wir uns erlauben, fehlbar zu sein, wenn wir uns erlauben, üben zu dürfen, dann ist das eine Haltung, die wir in unser ganzes Leben mitnehmen.

    Es braucht Gelassenheit, um Singen zu lernen

    Wenn du eine Übung zehnmal wiederholst und sie erst beim neunten oder zehnten Mal gut klingt, braucht es Gelassenheit.

    Es braucht innere Erlaubnis, damit du den Spaß nicht verlierst – wenn automatisch immer die Stimme kommt:

    „Oh Gott, hoffentlich hat mich keiner gehört.“

    Dann ist die gedachte Stimme der anderen oft wichtiger als du. Wichtiger als die Person, die singen möchte. Wichtiger als dein Recht, deine Stimme einzusetzen. Und genau da dürfen wir neu ansetzen.

    Dein Körper darf lernen, mehr Ausdruck zu halten

    Peinlichkeit zeigt sich oft körperlich:

    • Angespannte Muskeln.
    • Innerliches Zusammenziehen.
    • Ein Impuls, kleiner zu werden.
    • Vielleicht lachen, verstecken, abbrechen.

    Deswegen mag ich den nervensystembasierten Ansatz so gerne. Wir können mit dieser Energie arbeiten, die sich da ansammelt oder anspannt. Nicht indem wir sagen:

    „Jetzt überwinde dich halt und trau dich einfach. Ist doch egal, was die Nachbarn denken.“

    Das kann man nicht faken. Sondern indem wir an der Stelle einhaken, an der es gerade peinlich wird.

    Und fragen:

    • Was ist das gerade?
    • Wie kann es sicherer für dich werden?
    • Wie kannst du dir treu bleiben, obwohl die automatische Reaktion ist: Ich muss mich jetzt kleiner machen?

    Es geht nicht darum, über dich drüberzugehen

    Es geht nicht darum, über deine Grenze zu gehen oder zu sagen: „No matter what, du musst dich jetzt trauen.“

    Sondern darum, an diesen Grenzen sicherer zu werden. Die Wellenausschläge dürfen wieder größer werden.

    Singen erfordert genau das: mehr Körper, mehr Ausdruck, mehr Ausschlag. Und das ist etwas, was wir in unserer Gesellschaft oft verlernt haben.

    Ein kleines Beispiel: Kannst du laut gähnen? Also nicht nur so versteckt hinter der Hand, sondern mit richtig Sound drauf? Wenn dir das schon peinlich ist, ist das ein kleines Indiz dafür, dass Ausdruck vielleicht nicht ganz frei und erlaubt ist.

    Das ist nicht schlimm. Es ist einfach etwas, was man üben darf. Gerade im Gesangstraining können wir solche Dinge mit reinnehmen, um mit Peinlichkeit und Scham besser umgehen zu lernen.

    Nicht im Sinne von: „Ich muss mich jetzt zwingen.“

    Sondern eher:

    „Aha, interessant. Wenn ich über dieses Peinlichkeitsgefühl drübergehen würde, liegt dahinter wahrscheinlich ein Maß an Klang und Ausdruck, das ich sonst in meinem Leben nicht gewohnt bin.“

    Deine Stimme darf wieder mehr Raum bekommen

    Wenn wir unsere Stimme einsetzen, denken wir oft, dass immer etwas Richtiges herauskommen muss.

    Etwas Adäquates, Souveränes – etwas, wo andere denken: Das hat sie gut gemacht.

    Das kennen wir aus Schule, Uni, Arbeit, überall dort, wo wir bewertet werden und und beweisen müssen. Aber beim Singen dürfen wir wieder lernen, dass Stimme nicht nur dafür da ist, richtig und kontrolliert zu sein.

    Sie darf auch ein freier Ausdruck sein. Und wenn du dich oft für deine Stimme schämst oder es peinlich findest, dass dich jemand hören könnte, dann ist das kein Beweis dafür, dass du nicht singen solltest.

    Es ist eher ein Hinweis darauf, dass dein System lernen darf: Mehr Ausdruck kann sicher werden.

    Peinlichkeit ist also nicht das Ende

    Peinlichkeit heißt nicht:

    • „Du hast etwas falsch gemacht.“
    • „Du musst dich für deine Stimme schämen.“
    • „Du solltest lieber leise bleiben.“

    Peinlichkeit kann heißen:

    Hier ist eine Grenze und mehr Stimme möglich. Hier braucht dein Körper Sicherheit. Hier darf Ausdruck wieder normaler werden.

    Und vielleicht liegt genau hinter diesem unangenehmen Gefühl ein Maß an Klang, Lebendigkeit und Freiheit, das du dir bisher noch gar nicht erlaubt hast.

    #10 „Sing einfach lauter“ ist kein guter Ratschlag im Gesangsunterricht✨

    #10 „Sing einfach lauter“ ist kein guter Ratschlag im Gesangsunterricht✨

    #10 Warum „sing einfach lauter“ kein hilfreicher Rat ist

    Es gibt eine Art von Ratschlag, den meine Sängerinnen immer wieder in früherem Gesangsunterricht bekommen haben:

    „Du musst einfach lauter singen.“
    „Du musst mehr aus dir rauskommen.“
    „Du musst lockerer werden.“
    „Du musst einfach kräftiger singen.“

    Und ich verstehe, woher dieser Satz kommt. Wenn eine Stimme sehr zurückgehalten klingt, ist natürlich oft das Ziel, dass sie irgendwann mehr Klang, mehr Kraft und mehr Präsenz bekommt.

    Aber genau da liegt der Punkt: Lauter singen ist das Ziel – nicht die Anleitung.

      „Lauf halt einfach schneller“ hilft auch nicht

    Ich nehme dafür total gerne das Beispiel mit der Leichtathletik. Wenn mein Ziel wäre, schneller zu rennen, würde es mir ja gar nichts bringen, wenn jemand sagt:

    „Lauf halt einfach schneller.“

    Ja, klar. Das ist das Ziel. Aber wie komme ich dahin?

    Beim Laufen müsste man anschauen: Was führt dazu, dass ich schneller laufen kann?

    Da spielen die Beine mit rein, die Ausdauer, die Motorik, die Muskeln. Das sind alles Dinge, die man getrennt voneinander und im Zusammenspiel miteinander trainiert, damit das natürliche Endergebnis ist:

    Ich kann schneller laufen. Und so ist es auch mit lauter und kräftiger singen.

    Ich kann dir nicht einfach sagen: „Sing halt mal lauter.“ Ohne dir zu zeigen, welche Aspekte da mit reinspielen.

    Wenn du einfach nur lauter wirst, wird es oft anstrengend

    Wenn du keine Technik hast, keine innere Erlaubnis, kein Körpergefühl dafür und dein Nervensystem eigentlich auf Rückzug steht, dann wird lauter singen meistens einfach anstrengend.

    Viele erzählen mir dann von früheren Gesangsunterricht:

    „Ich sollte mich halt mehr anstrengen.“
    „Ich sollte einfach lauter werden.“
    „Ich habe gemerkt, ich komme irgendwann an meine Grenze.“
    „Ich bin fast heiser geworden.“

    Und da schlage ich innerlich manchmal echt die Hände über dem Kopf zusammen. Weil es nicht sein kann, dass jemand in bezahlten Gesangsunterricht geht und als Lösung bekommt:

    „Werde halt lauter.“ Teilweise sogar: „Schrei mal mehr.“ Wenn du dadurch heiser wirst, dich mehr verkrampfst oder es alleine nicht reproduzieren kannst, ist es total verständlich, dass dich das frustriert. Und es ist nicht deine Schuld.

    Es ist nicht deine Aufgabe, von allein zu wissen, wie du lauter wirst

    Es ist nicht deine Schuld, wenn du nicht von dir aus weißt, was du in deiner Stimme ansteuern kannst.

    Es ist nicht deine Schuld, wenn du nicht automatisch weißt, wie du kräftiger singst, ohne zu drücken.

    Und es ist nicht deine Schuld, wenn du bei „sing einfach lauter“ innerlich eher zumachst.

    Genau dafür ist Gesangsunterricht ja eigentlich da:

    • Dir zu zeigen, was du beeinflussen kannst.
    • Welche Ansätze es gibt.
    • Was sich für dich gut anfühlt.
    • Wo du einen Effekt spürst.
    • Und wie du deine Stimme so trainierst, dass sie freier werden kann, ohne dass du über deine Grenze gehst.

    Gute Anleitung braucht Flexibilität

    Ich war selbst bei vielen verschiedenen Gesangslehrerinnen und Gesangslehrern und habe für mich immer wieder geschaut:

    • Was hat mich wirklich weitergebracht?
    • Wo habe ich eine Verbindung zu meiner Stimme bekommen?
    • Und wo bin ich eher verunsichert aus dem Unterricht gegangen?

    Eine Hauptkomponente war für mich immer: Kann die Lehrperson flexibel auf mich eingehen?Oder zieht sie einfach Schema F durch?

    Ein guter Unterricht sollte nicht nur auf der Realität der Lehrperson beruhen. Nur weil jemand selbst kein Problem damit hat, laut zu singen, aufzutreten oder sich zu zeigen, heißt das nicht, dass es für jede Sängerin genauso leicht ist.

    Gerade stille Sängerinnen bringen einen eigenen Körper, eine eigene Geschichte und ein eigenes Selbstbild mit.

    Und genau das muss im Unterricht Platz haben.

    Du bist dem Unterricht nichts ausgeliefert

    Das ist mir so wichtig: Du bist als stille Sängerin dem Gesangsunterricht nicht ausgeliefert.

    Du darfst merken: Das passt für mich nicht. Ich komme eingeschüchtert aus der Stunde. Ich bin danach total angespannt. Ich fühle mich nicht ernst genommen. Dieser Ratschlag verschließt mich eher, als dass er mich öffnet.

    Und du darfst das ernst nehmen.

    Wenn du immer wieder das Gefühl hast, du bekommst nur unkonkrete Ansagen wie „sing halt lauter“, aber niemand zeigt dir, wie du dahin kommst, dann ist es verständlich, dass du frustriert bist.

    Lauter singen braucht mehr als Mut

    Gerade bei stillen Sängerinnen geht es oft nicht nur um Technik.

    Natürlich gibt es technische Aspekte:

    • Atem.
    • Dynamische Tonführung.
    • Vokalplatzierung.
    • Stimmsitz.
    • Resonanz.
    • Natürliche Lauterzeugung.

    All das hat Einfluss darauf, wie frei, kräftig und laut deine Stimme werden kann.

    Aber daneben gibt es auch die gesangspsychologische Ebene.

    Wenn dein Körper gerade eigentlich auf Rückzug steht, kannst du nicht einfach eine 180-Grad-Wende hinlegen und plötzlich voll in den Ausdruck gehen. Wenn dein Selbstbild davon geprägt ist, dass du immer eher leise, freundlich, angepasst und unauffällig bist, dann ist „sing lauter“ nicht einfach nur eine technische Aufgabe.

    Dann kann das ein richtiger Identitätskonflikt sein.

    Dein Nervensystem muss Ausdruck überhaupt zulassen können

    Deswegen arbeite ich so gerne nervensystembasiert. Denn die Frage ist nicht nur: Wie wird deine Stimme lauter?

    Sondern auch: Ist dein Körper überhaupt gerade in einem Zustand, in dem Ausdruck sicher ist?

    Wenn dein Körper innerlich sagt:

    „Ich will mich eigentlich verstecken.“
    „Ich will nicht auffallen.“
    „Ich will mich zurückziehen.“

    Dann bringt es wenig, einfach mehr Druck auf die Stimme zu geben. Dann dürfen wir erstmal daran arbeiten, dass dein Körper Klang freigeben kann, ohne sich bedroht zu fühlen. Dass du dich sicherer fühlst, wenn du dich zeigst. Dass Ausdruck nicht sofort mit Überforderung gekoppelt ist.

    Manche Klänge fühlen sich erstmal ungewohnt an

    Gerade für lautere Sounds gibt es im Gesangsunterricht oft Übungen oder Tonerzeugungen, die erstmal ungewohnt sind. Manche klingen ein bisschen dümmlich, zickig und vielleicht auch erstmal nicht schön. Aber sie helfen, mehr Präsenz in die Stimme zu bekommen.

    Und genau das sind oft Eigenschaften und Laute, die sich stille Sängerinnen im Alltag gar nicht erlauben. Deswegen kann da innerlich so viel Druck entstehen. Nicht, weil du falsch bist – sondern weil dein System beim Singen etwas machen soll, was es aus dem Alltag gar nicht gewohnt ist.

    Deine Stimme lügt dich nicht an

    Das ist vielleicht der wichtigste Reminder: Deine Stimme lügt dich nicht an.

    Sie zeigt dir sehr ehrlich, was funktioniert und was nicht funktioniert.

    Wenn du merkst: Dieser Ansatz verschließt mich noch mehr. Ich werde heiser. Ich verkrampfe. Ich fühle mich nicht sicherer, sondern kleiner. Dann darfst du das ernst nehmen. Das heißt nicht, dass du untalentiert bist. Das heißt vielleicht einfach, dass du einen anderen Ansatz brauchst.

    Singen darf sich leicht und locker anfühlen

    Ein guter Leitsatz ist für mich: Singen darf sich leicht und locker anfühlen.

    Natürlich darf es fordernd sein. Natürlich darf man lernen, üben und neue Dinge entdecken. Aber Gesangsunterricht sollte nicht dazu führen, dass es für dich noch anstrengender wird. Er sollte dich darin unterstützen, mit weniger Druck mehr Zugang zu deiner Stimme zu bekommen.

    Mit lockeren Ansätzen, mehr Aufatmen, Verbindung und Verständnis dafür, was deine Stimme braucht.

    Singen ist eigentlich etwas sehr Natürliches. Stimme melodisch einzusetzen, ist nichts, was sich hart, eng oder verhärtet anfühlen sollte.

    Und gerade wenn du in den Gesangsunterricht gehst, darf dieser Unterricht dich dabei unterstützen, wieder mehr dahin zurückzukommen: Ich darf meine Stimme freier einsetzen, ohne über eine Grenze zu gehen, die mir eigentlich zu viel ist

    #09 Vibrato, Tränen & Atemnot? Deine Fragen – meine Antworten✨

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    Wie geht ein Vibrato?🎶 Bin ich mit über 60 zu alt für Vibrato?👀

    Vibrato ist ein super schönes Ziel beim Singen, das ganz viel über die Stimme aussagt – nämlich, dass sie frei, entspannt und sicher schwingen kann. Es ist wie ein zartes Zittern um den Ton herum und sorgt für einen besonders hörbaren und angenehmen Klang. Aber: Ein Vibrato ist kein Trick, den man mit einer Übung lernt, sondern ein Endergebnis aus vielen Aspekten – wie Atemführung, Klangstabilität und Beweglichkeit (=Dynamik) in der Stimme.

    Ich unterscheide gerne zwischen festen Stimmtypen (sehr treffsicher, oft etwas fest) und weichen Stimmtypen (luftig, fließend, oft weniger treffsicher). Vibrato ist quasi die perfekte Mitte: sicher und gleichzeitig beweglich. Wenn du fest singst, darfst du das Weiche lernen. Wenn du zu weich singst, darfst du mehr Treffsicherheit üben. Im einmaligen Stimm-Check schauen wir ganz individuell, ob du eher weich oder fest singst – und welche Qualitäten ergänzt werden dürfen, um das Schwingen in deiner Stimme zu fördern.

    Und zwecks des Alters: Vibrato ist nichts, was nur jungen Stimmen vorbehalten ist. Entscheidend ist, wie dein Körper und deine Stimme zusammenspielen und ob du sie entsprechend trainierst – nicht dein Geburtsdatum. Die körperlichen Voraussetzungen, die ein Vibrato braucht, können auch im Alter erarbeitet werden – wenn keine medizinischen Einschränkungen vorliegen. Und manchmal ist das eigentliche Hindernis gar nicht die Stimme, sondern eher die Idee, dass es zu spät sein könnte. Spoiler: ist es nicht.

    Wieso weine ich beim Singen?✨

    Ach – etwas, das wir alle stille Sängerinnen bestimmt kennen. Und das kann mehrere Gründe haben – ich nenne dir mal die zwei häufigsten, die ich beobachte:

    1. Weil dein Körper sich entspannt

    Singen ist nicht nur Ausdruck, sondern auch Regulation. Wenn du mit deiner Stimme arbeitest – gerade wenn du in einem geschützten Rahmen bist – kann es sein, dass dein Körper plötzlich loslässt und aus dem Funktionieren aussteigt. Und manchmal bedeutet das: Es fließt etwas ab. Es wird weich in dir. Es darf endlich ein Release passieren. Du hast vielleicht vorher gar nicht gemerkt, wie sehr du dich innerlich festgehalten hast. Und mit einem Ton, mit einer Melodie – kommt plötzlich dieses Gefühl: Da darf jetzt endlich etwas loslassen.

    2. Weil dich der Text berührt – oder etwas ausdrückt, wofür du keine Worte hattest

    Manchmal singen wir ein Lied und es erwischt uns an einer Stelle so richtig. Weil da ein Satz steht, der etwas sagt, was du selbst nie aussprechen konntest. Oder weil dich die Melodie an etwas erinnert, was in dir gespeichert ist – vielleicht ein Gefühl, eine Erinnerung, ein Mensch, ein Abschied, ein Wunsch.

    Und was dann passiert, ist: Das Singen wird zum Sprachrohr für dich. Das fühlt sich manchmal kurz überwältigend an – aber es ist auch so kraftvoll. Denn das heißt: Deine Stimme ist nicht nur Klang, sondern ein Ort, an dem du dich dir selbst wirklich zeigen kannst.

    Ich unterscheide in meinen Stimm-Zauber-Gesangsstunden hierbei zwischen der Erlaubnishaltung (emotionaler Ausdruck) und der Entdeckerhaltung (technische Perspektive). Beides darf beim Singen je nach persönlichen Zielen unterschiedlich stark Raum haben. Ich finde es so schön, wenn man im Singen auch eine Möglichkeit für die eigenen Gefühle findet und sich berühren lassen kann. Gerade beim Auftreten ist es aber auch hilfreich, aus dieser emotionalen Ebene wechseln zu können – um sich nicht zu sehr von Liedtexten überrollen zu lassen, wenn wir z.B. auf einer Hochzeit singen und als Dienstleister für jemand anderen unsere Stimme einsetzen wollen.

    Wie trainiere ich mein Lungenvolumen zum Singen?🎶

    Die Frage, wie man das Lungenvolumen fürs Singen trainieren kann macht Sinn, auch weil sie super viele Sängerinnen beschäftigt. Gerade dieses Gefühl von: „Ich hab zu wenig Luft“, „Ich komme bei schnellen Liedern nicht hinterher“ oder „Ich krieg den Ton nicht gehalten“ ist einfach super verbreitet.

    Und jetzt kommt etwas, das vielleicht erstmal kurz irritiert, aber ein bisschen den Druck rausnehmen kann: Es geht beim Singen gar nicht so sehr um „mehr Lungenvolumen“.

    Ja, natürlich – wenn du regelmäßig Ausdauersport machst oder viel in Bewegung bist, atmest du bewusster, deine Atemfrequenz verändert sich, dein Körper ist besser versorgt mit Sauerstoff. Das ist eine super Grundlage. Aber fürs Singen an sich ist ein ganz anderer Blick entscheidend – und genau deshalb ist Atem der erste von sechs Aspekten in meiner Stimm-Zauber-Formel.

    Weil du nicht mehr Luft brauchst – sondern lernen darfst, was du mit der vorhandenen Luft machst. Es ist ein Management-Thema.

    Das Herzstück ist hier das Zwerchfell. Das ist die Muskulatur, die unterhalb deiner Lunge sitzt – und die deine Atembewegung überhaupt erst möglich macht. Du kannst deine Lunge nämlich nicht aktiv steuern. Aber dein Zwerchfell schon! Und genau das trainieren wir.

    💡 Was heißt das konkret für dich? Statt zu denken: „Ich brauche mehr Luft“, darfst du dich fragen:

    • Kann ich die Luft, die ich habe, dosiert in meinen Gesang abgeben?

    • Kann ich mit meinem Körper die Spannung halten, ohne zu verkrampfen?

    • Kann ich lernen, meinen Atem zu containen, also zu halten – statt ihn zu schnell zu verlieren?

    • Habe ich ein Gefühl dafür, wann der nächste Atemimpuls wirklich gebraucht wird?

    Wenn du das lernst – und genau das machen wir Schritt für Schritt bei Stimm-Zauber – dann wird deine Stimme ruhiger, stabiler, klangvoller.

    Und dann entsteht auch das, was viele sich wünschen: Die Fähigkeit, lange Töne zu halten, kraftvoll zu singen, aber nicht zu drücken – weil du innerlich weißt: „Ich habe die Kontrolle.“

    Und ganz wichtig: Dein Atem ist nicht nur Technik – er ist Verbindung zu deinem Körper. Deshalb ist er auch oft der Schlüssel, wenn es um Emotionen, Nervosität oder Unsicherheiten beim Singen geht. Deswegen starten wir mit diesem Aspekt bei Stimm-Zauber – weil er dein inneres Fundament zum Singen ist.

    Wie kann ich mit anderen singen, wenn ich keine Noten lesen oder kein Instrument spielen kann?🩷

    Erstmal keine Sorge: Ich kann bis heute keine Noten lesen – es ist also nicht zwingend notwendig um mit anderen zu Singen. Es geht bei dieser Frage aus Erfahrung vielmehr um innere Sicherheit: Kannst du Melodien nach Gehör nachsingen? Wie sicher fühlst du dich, wenn du ohne Originalsänger singst? Arbeitest du mit den Instrumenten oder gegen sie? Und das alles ist trainierbar.

    Wichtig ist (und das wird aus Erfahrung auch in Gesangsstunden viel zu schnell übersprungen), dass du deine Stimme für dich erforschst und sicher machst – getrennt vom Playback oder Instrumenten. Das ist etwas wofür wir uns häufig nicht die Zeit nehmen, obwohl genau hier die innere Sicherheit zum Singen entstehen kann. In der Stimm-Zauber-Formel schauen wir uns dafür zuerst die ersten drei Aspekte deiner Stimme im jeweiligen Lied an, bevor es überhaupt an Liedtexte oder auf das Singen mit Instrumenten geht. Sprich wir wiederholen das Lied mit verschiedenen Übungen der Aspekte „Atem, Dynamik & Stabilität“ und übertragen es erst dann schrittweise auf Instrumente.

    Wir bauen quasi eine innere Landkarte – ein Gefühl für das Lied. Dass du, wenn du irgendwo mitten in den Song springst, sofort wieder weißt, wo du bist. Und das verraten dir die Instrumente und kannst du nur lernen, wenn du anfängst selber und ohne Originalsänger zu singen. Das ist auch eine super Prävention für Blackouts bei Auftritten – weil du quasi wie eins mit dem Lied wirst und mit der Zeit dein Körper einfach das Singen übernehmen kann.

    Ein super schöner Tipp hier für den Alltag: Du kannst anfangen beim Radio oder Spotify hören, dein Ohr zu schulen und dich nur auf einzelne Instrumente zu fokussieren, z.B. die Gitarre oder das Schlagzeug. Schaffst du es die einzelnen Instrumente herauszuhören?

    Ich begleite dich gerne dabei, entspannter und selbstsicher mit anderen auf Instrumente zu singen in meinen ganzheitlichen Stimm-Zauber-Gesangsstunden.

    #08 „Meine Nachbarn hören mich!“ – Wie du entspannt singst, auch wenn dich andere hören

    #08 „Meine Nachbarn hören mich!“ – Wie du entspannt singst, auch wenn dich andere hören

    #08 „Meine Nachbarn hören mich!“ – Wie du entspannt singst, auch wenn dich andere hören

    Kennst du das Gefühl, beim Singen einfach nicht locker zu werden, sobald jemand zuhören könnte? Mitbewohner, Nachbarn oder vielleicht sogar dein Partner? Viele meiner Sängerinnen kennen diese Blockade – und ehrlich gesagt, ich kenne sie auch aus eigener Erfahrung.

    Früher war ich die absolute Lampenfieber-Mausi. Sogar das Üben im eigenen WG-Zimmer fühlte sich an, als würde ich vor 200 Leuten auftreten. Heute singe ich auf Hochzeiten und liebe es. Wie das möglich war und was du für dich daraus mitnehmen kannst, teile ich hier mit dir.

    Warum wir uns so beobachtet fühlen👀

    Johanna hat mir eine Frage geschickt, die perfekt beschreibt, was viele stille Sängerinnen beschäftigt: „Ich weiß, dass ich singen darf, aber sobald jemand zuhören könnte, verkrampfe ich total. Ich kann es nicht genießen.“

    Das Problem ist selten die Stimme selbst. Es geht vielmehr um das, was wir glauben, dass andere über uns denken könnten. „Klingt das schräg? Bin ich unmusikalisch? Ist es peinlich?“ – Diese Gedanken schalten sofort das Notfallprogramm im Körper ein. Unser Nervensystem geht in Alarmbereitschaft und macht Loslassen unmöglich.

      Baustein 1 – Den Körper beruhigen✨

      Verkrampfung ist immer ein körperliches Signal. Selbst wenn dein Kopf weiß, dass du singen darfst, sagt dein Körper: „Gefahr!“ Deshalb ist der erste Schritt, dein Nervensystem zu regulieren. Das bedeutet: bewusst ausatmen, den Körper schütteln, den Boden spüren. Ich baue Nervensystem-Übungen auch in meine Stimm-Zauber-Gesangsstunden ein, weil ich gemerkt habe: Wenn der Körper nicht loslassen kann, wird die Stimme es auch nicht.

      Frage dich:

      ✨Wann fühlst du dich wirklich entspannt?
      ✨Wann atmet dein Körper einmal so richtig tief durch?

      Je öfter du im Alltag kleine Momente von Ruhe trainierst, desto einfacher wird es, dieses Gefühl auch beim Singen abrufen zu können.

      Baustein 2 – Dein Selbstbild verändern🩷

      Die Angst vor dem Hören ist oft die Angst vor Bewertung. Wir fürchten uns nicht nur vor dem, was die Nachbarn denken, sondern vor dem, was wir selbst denken. Vielleicht glaubst du, dass du nicht gut genug bist oder dass du dich lächerlich machst. Aber wer sagt das eigentlich? 

      Ich erinnere mich hier immer an meine WG-Zeit in Hamburg. Es war extrem hellhörig, und ich dachte monatelang, dass die Nachbarn es schrecklich finden, wenn ich singe. Irgendwann sprach mich eine Nachbarin auf dem Balkon an und meinte: „Das Lied singst du öfter, oder? Ich liebe es, ich singe manchmal mit!“ Ich war völlig baff. Ich hatte so sehr an das Negative geglaubt, dass die Möglichkeit, dass jemand Freude daran hat, für mich gar nicht existierte.

      Baustein 3 – Wissen gibt Sicherheit🎶

      Einer der Gründe, warum wir uns unwohl fühlen, ist das Gefühl, nicht zu wissen, was wir beim Singen tun. Wenn mir jemand sagen würde: „Hannah, tanz mal was vor!“, wäre ich komplett überfordert – weil ich keine Ahnung von Tanztechnik habe. Genau so fühlt es sich beim Singen an, wenn wir „irgendwie“ üben und einfach drauf los singen.

      Darum habe ich die Stimme in sechs Aspekte aufgeteilt. Wenn du weißt, welche dieser Aspekte du gerade übst und warum, fühlst du dich viel sicherer. Plötzlich hast du einen Plan. Du weißt, warum du eine Übung machst, und wenn jemand zuhört, kannst du sagen: „Ich übe gerade XYZ.“ Dieses Selbstbewusstsein verändert alles.

      Dein Recht zu singen

      Du hast das Recht zu singen. Es ist nicht nur ein Hobby, es ist ein Ausdruck deiner Stimme und deiner Persönlichkeit. Wenn dich die Angst blockiert, liegt das oft an alten Mustern, die wir Schritt für Schritt verändern dürfen – nicht nur durch Technik, sondern auch durch durch den Aufbau eines liebevolleren Selbstbilds.

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