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#16 Carinas neue Gesangs-Sicherheit: „Ich weiß, wo ich anfangen kann.“
#16 Carinas neue Gesangs-Sicherheit: „Ich weiß, wo ich anfangen kann.“
Podcastfolge hier anhören:
Ich liebe diese Gespräche mit ehemaligen und aktuellen Kundinnen, weil sie so greifbar machen, was Gesangspsychologie eigentlich ganz praktisch bedeutet.
In dieser Folge spreche ich mit Carina. Sie ist 31, Sozialpädagogin, und hat schon immer den Traum gehabt zu singen. Vor einem Jahr hat sie an der Gentle Singing Week teilgenommen und hat anschließend Stimm-Zauber gemacht. Und was sie mir in dieser Folge erzählt, ist eines der schönsten Beispiele dafür, wie viel sich beim Singen verändern kann, wenn man nicht nur an der Technik, sondern auch an der Beziehung zu sich selbst arbeitet.
Gesangpsychologie ganz praktisch: Das innere Gesangsteam
Wir alle haben verschiedene innere Anteile, die unsere Gedanken, Gefühle, Köperhaltung und auch unsere Stimme färben. Manche sind unsicher, manche kritisch, manche mutig. In Stimm-Zauber arbeite ich mit meinen Schülerinnen daran, diese Anteile für sich beim Singen sichtbar zu machen und ihnen bewusst Namen und Rollen zu geben: ihr inneres Gesangsteam.
Im weitesten Sinne ist das systemische Arbeit: Wir machen bewusst, was im inneren Gesangssystem sonst unbewusst abläuft und was auch Technik nur bedingt lösen kann. Carina hat im Lauf des letzten Jahres ein ganzes Team an inneren Figuren aufgebaut, die sie beim Singen begleiten.
Ganz zentral: ein Mut-Ritter und ein Angstkobold. Den Angstkobold, sagt Carina, „haben wir jetzt unterm Tisch vorgekitzelt sozusagen. Und der sitzt jetzt bei meinem Mut-Ritter hinten auf dem Rücken.“ Dazu kam später eine Gesangsdiva, die bei den hohen Tönen besonders viel Kritik geübt hat, ein Stiefellecker, der der Diva nacheifert, und eine jugendliche Praktikantin, die eher in den tiefen Tönen singt.
Mittlerweile hat sich das Bild in Carinas Kopf sortiert: Die Diva konnte von ihrem Perfektionismus zurücktreten und hat Freude daran gefunden, die beiden jüngeren Anteile auszubilden. Das ist nicht nur ein nettes Bild, sondern hat einen Gesangseffekt: Wenn man sich vorstellt, eine Diva zu sein, steht man körperlich anders da und singt anders, als wenn man sich als Angstkobold unterm Tisch fühlt.
Genau das üben wir in den Stunden: sich körperlich in die verschiedenen Anteile hineinzufühlen und eine Liedzeile aus jeder Rolle heraus zu singen. „Weil man sich darauf einlässt“, sagt Carina, „ist die Veränderung, die dann körperlich stattfindet, sehr einprägsam.“
Die Beauty-Contest-Mutti: Warum der innere Kritiker beim Singen überhaupt da ist
Einer der Anteile, die Carina am längsten begleitet haben, ist die „Beauty-Contest-Mutti“ – benannt nach den aufgetakelten Müttern aus Trash-TV-Formaten, die ihre Kinder auf die Bühne zwingen. In einer gemeinsamen Stunde haben wir uns Carinas innere Bühne angeschaut, ihren inneren Safe Space zum Singen. Regiert wurde der damals von genau solch einer Mutti. „Die ist mental über meine Bühne marschiert und hat eigentlich die ganze Zeit nur gestrampft und gezetert“, erzählt Carina.
Ich werde oft gefragt, was eigentlich der Unterschied zwischen Gesangspädagogik und Gesangspsychologie ist. Meine Antwort ist immer: genau diese Arbeit mit den inneren Anteilen. Die Contest-Mutti z.B. wird immer alles dafür nutzen, das eigene Singen abzuwerten – selbst wenn es perfekt wäre – weil das ihre Aufgabe ist. Und oft ist der kritische Anteil nicht da, um fertigzumachen, sondern um eine innere Sicherheit zu schaffen, die man sonst nicht wahrnehmen kann:
Wenn ich mich selbst schon fertigmache, kann von außen nichts Schlimmes mehr passieren. Nur wird dadurch jede Übung zu einem „bist du gut genug oder nicht“-Projekt, statt zu einem Raum, in dem du – naja – einfach singen üben darfst.
Fokus beim Singen ändern & Körperwahrnehmung lernen
Ein zweiter großer Baustein für Carina in Stimm-Zauber war deshalb, überhaupt erstmal zu merken, was in ihrem Körper beim Singen passiert, statt sich immer nur zu fragen: „Klingt das gut?“
Wir unterschätzen massiv, wie sehr uns eine gute Körperwahrnehmung beim Singen hilft. „Ich bin jemand, der gelernt hat, nicht gut auf seinen Körper zu hören“, sagt sie, „oder auch ganz bewusst Körperempfindungen wegzudrücken. (…) Ich wusste nicht mehr, dass mein Hals angespannt sein kann, ehrlich gesagt. Und der Kiefer. Und das war so ein Normalzustand.“
Am Ende ist unser Körper unser Instrument, der unseren Klang erzeugt und produziert. Anspannungen, unterdrückte Gefühle, Stress, Druck – das alle wirkt sich auf unsere Stimme aus. Wenn wir das gar nicht wahrnehmen und uns nicht erlauben auszudrücken (fluchen, ausruhen, weinen, lachen, tief atmen, ect.), macht es Sinn, dass uns beim Singen etwas fehlt.
Was sich bei Carina verändert hat, ist nicht nur, dass die Anspannung mit gezielten Übungen insgesamt weniger geworden ist – sondern vor allem, dass ihre Wahrnehmung, wenn wieder Anspannung kommt, viel automatischer funktioniert. „Der Schritt von: Ich nehme wahr, ich bin angespannt, dann musste ich lernen: Okay, ich bin angespannt, dann sollten wir vielleicht was zur Entspannung machen“, beschreibt Carina. „Das baut sich tatsächlich auf.“
Die Basis-Aspekte: Atem, Dynamik, Stabilität
Beim Aufbau von Stimm-Zauber erinnert sich Carina besonders an die ersten drei Aspekte – Atem, Dynamik und Stabilität. Sie bilden die Basis für die innere Sicherheit beim Singen, bevor es später um Höhen, Tiefen, Raum, Kraft und Emotionen geht.
„Dieser Aufbau in die Aspekte hat für mich Druck rausgenommen, vieles auf einmal zu können oder können zu müssen“, sagt Carina. „Und mich da wirklich auf eine Sache konzentrieren zu können, das war sehr gut.“
Wenn heute etwas nicht funktioniert, sagt sie, gehe sie zuerst zurück zu den drei Basis-Aspekten: „Welcher ist es denn? In welchen muss ich denn am meisten gucken?“ Besonders der Atem war für sie ein Schlüsselmoment – auch, weil darüber ihre ganze Körperwahrnehmung angefangen hat. Statt gleich in ein Lied „reinzurennen“ und beim ersten Haken zu denken „ich bin nicht gut genug“, weiß sie jetzt: „Ich habe jetzt so viel Repertoire, wie ich da rangehen kann, wenn das in einem Lied hakt.“
Die Klangschalen-Metapher
Ein Bild, das ich für die Aspekte auch gerne verwende ist die Stimme als Klangschale zu verstehen.
Der Körper, das Instrument, ist fertig – er kann Töne erzeugen. Technik ist der Holzschläger, mit dem man lernt, die Schale anzustoßen.
Was aber oft übersehen wird: Wenn in der Schale Tennisbälle aus Alltagsstress liegen oder ein Tuch drumgebunden ist, weil man überzeugt ist, die eigene Stimme sei es nicht wert – dann hilft die beste Technik nichts. Man schlägt dann bestenfalls „auf die Klangschale ein“, statt zu fragen, was da eigentlich gerade drin liegt und den Klang hemmt.
Die Stimme in die einzelne Aspekte herunterzubrechen hilft zu verstehen: „Woran liegt’s? Darf ich technisch was verbessern oder in der Klangschale – also an meiner inneren Haltung – etwas verändern?“
Frust als Bedürfnisdetektor
Ein Thema, das Carina schon seit der Gentle Singing Week begleitet:
Frust beim Singen ist erlaubt und ein guter Anlass hinzugucken. „Frust“, sagt sie, „betrachtet auf mein ganzes Leben, sehe ich jetzt einfach anders.“
Die Frage dahinter ist immer: Warum frustriert mich mein Singen gerade? Manchmal ist die Antwort, dass man sich mehr erlauben darf. Manchmal zeigt sie, woran noch geübt werden kann.
So oder so lässt sich diese Energie nutzen. Die Kunst ist die Energie für sich zu nutzen, statt sie gegen sich selbst zu richten.
Kontrastübungen: Der betrunkene Manfred
Ein praktisches Beispiel dafür sind Kontrastübungen.
Statt immer die Emotion zu singen, die gerade tatsächlich da ist, kann man auch bewusst das Gegenteil zum Singen erforschen.
Carina beschreibt hier einen Moment, der für sie viele neue Möglichkeiten eröffnet hat: „Wenn ich entspannt war und für mich ausprobiert habe, sind manchmal Töne entstanden, und dann hat meine Stimme Sachen gemacht, über die ich mich dann einfach nur gefreut habe, total überrascht war und überhaupt nicht wusste, dass das geht.“
Möglich wurde das erst, weil sie sich getraut hat, albern zu werden: „Das hätte ich ja so nicht rausgefunden, wenn ich nicht in diese – naja, scheiß drauf, wir machen jetzt den betrunkenen Manfred zum Beispiel, oder singen jetzt alles wie, wenn mein Hund rumfiept.“
Ihr Fazit dazu ist eines der ehrlichsten Sätze des ganzen Gesprächs: „Perfektes Singen macht nicht mehr Spaß, überhaupt nicht.“
Erkennst du dich in Carinas Angstkobold oder deiner eigenen Contest-Mutti wieder? Im 1:1-Format Stimm-Zauber arbeiten wir genau an diesen inneren Anteilen – mit Nervensystemarbeit, Gesangspsychologie und Gesangstechnik, damit deine Stimme wieder dir gehört.
#15 Wie aus „Ich kann nicht singen“ ein Platz im Chor wurde – Bettinas Weg von der Stille zur Sängerin
#15 Wie aus „Ich kann nicht singen“ ein Platz im Chor wurde – Bettinas Weg von der Stillen zur Sängerin
Podcastfolge hier anhören:
„Es war halt einfach in meiner Kindheit so, dass ich überhaupt keine Stimme hatte.“
Ein Leben lang nicht laut sein, nicht sichtbar sein. Und mittendrin, tief im Inneren, eine Liebe zu Musicals und Disney-Songs, die einfach nicht verschwinden wollte. Das war Bettinas Startpunkt. Wenn du dich beim Singen also oft unsicher fühlst und trotzdem nicht aufhören kannst, davon zu träumen – lies weiter.
Stille Sängerin Bettina ist ein zauberhaftes Beispiel dafür, wie aus „ich kann nicht singen“ ein fester Platz im Chor wurde.
„Ich kann nicht singen“ – ein Satz, der nie über die Stimme sprach
Bettina beschreibt sich was das Singen anging selbst als total engstirnig: „Ich habe mich sowas von selbst klein gehalten.“
Auch sie kannte die typische Aussage einer stillen Sängerin „Ich kann nicht singen.“
Dabei geht es selten um Töne treffen oder Technik. Es geht darum, überhaupt Raum einzunehmen. Wer als Kind gelernt hat, nicht laut zu sein, trägt dieses Muster mit ins Erwachsenenleben – auch dann, wenn die eigentliche Sehnsucht nach Singen schon seit Jahren da ist. Wenn wir das, was wir beim Singen hören, nicht mögen, ist das selten ein Beweis für fehlendes Talent, sondern ein Zeichen dafür, wie sehr das Nervensystem trainiert wurde, die eigene Stimme zurückzuhalten.
Bettina bringt es auf den Punkt: Sobald sie angefangen hat zu singen, kam sofort der Drang sich zu Räuspern und Tränen.
„Das war meine Bremse. Es war mein Gefängnis im Grunde.“
Das Gefängnisgefühl kennen viele stille Sängerinnen
Bettina hatte 2023 schon im Internet nach Gesangsunterricht vor Ort gesucht. Sie hat aber nichts gefunden, was sie dort abholt, wo sie stand. Die Vorstellung, mit einer fremden Person in einem Raum zu stehen und „einfach loslegen“ zu müssen, war für sie unvorstellbar.
Kein Zufall: Klassischer Gesangsunterricht wirkt auf viele leistungsorientiert und bewertend – ein kompletter Crash vom Selbstbild, wie ich es gerne nenne. Man steht da, wird bewertet, muss sich zeigen. Genau das Gegenteil von dem, was das Nervensystem einer stillen Sängerin gut halten kann.
Was für Bettina den Unterschied machte, war nicht Technik, sondern eine andere Herangehensweise, wie ich sie beim Singen immer predige: „So eine Leichtigkeit, so eine ganz tolle, freundliche, fröhliche, spielerische Leichtigkeit. Ich wollte auch so sein.“
Dieses spielerische „ich gucke mir das einfach mal an“ hat Bettina schließlich dazu gebracht den Wunsch zu singen ernst zu nehmen und ich durfte sie 2024 in Stimm-Zauber begrüßen.
Der Kugelfisch und das Problem, den eigenen Körper nicht zu spüren
Gemeinsam haben wir ihre Stimme aus 6 Perspektiven neu erforscht und kennengelernt: Technisch, gesangspsychologisch und in der Liedarbeit. Eine der größten Aha-Moment, den Bettina dabei gezogen hat, war, dass sie am Anfang überhaupt kein Gefühl für ihre eigene Stimme im Körper hatte. Als ich ihr z.B. in den ersten Monaten die Kugelfisch-Metapher fürs Stützen (Atemmanagement) erklärte, dachte Bettina nur: „Okay, was will sie jetzt von mir.“
Sie hatte noch kein Gefühl dafür, wo im Körper fürs Singen überhaupt etwas passiert. Das ist kein Einzelfall. Unser Körper ist beim Singen das Instrument – und wenn wir ihn nicht wahrnehmen können, wird es schwer, den eigenen Klang gezielt zu beeinflussen.
Viele landen dann dabei, nur noch über Druck im Hals zu „singen“, weil das der einzige Ort ist, an dem sie überhaupt etwas spüren. Kein Wunder, in einer Welt, in der wir von klein auf trainiert werden, unserer Körper zu optimieren und alles 10x zu überdenken.
Die 1%-Methode: aufhören, sich mit Popstars zu vergleichen
Ein Sache, die vielen stillen Sängerinnen hemmt, war auch Bettinas Bremse:
Sie hörte ihre Lieblings-Musicalsongs im Radio und verglich sich sofort damit.
Ich nutzte für diese Stolperfalle gerne die „1%-Methode“ – lieber sichere kleine Schritte gehen von dort aus, wo du gerade wirklich stehst, statt sich an unerreichbaren Vorbildern zu messen. Menschen, die im Radio laufen, haben oft ihr ganzes Leben, meist seit der Kindheit, in ihre Stimme investiert und durch ihren Hauptberuf als Sänger ganz andere Ressourcen dafür.
Für Bettina war der Wendepunkt genau dieser Gedanke: „Ich brauche das nicht, ich muss mich nicht mit denen messen, sondern ich kann einfach nur ich sein und meine Töne machen.“ Ab da war das Eis gebrochen.
Was dann folgte, war eine Aneinanderreihung kleiner, aber sehr wirkungsvoller Schritte, die ihr heute ermöglichen frei zu singen.
Was Singen mit deiner Lebensqualität zu tun hat
Auf die Frage, was sie am meisten überrascht hat, antwortet Bettina nicht mit einer Gesangstechnik, sondern mit einem Satz, der mir schon öfters begegnet ist, wenn man das Singen über mehrere Monate endlich priorisiert hat:
„Die Lebensqualität hat sich da so unfassbar verändert.“
Nicht nur beim Singen selbst – auch im Umgang mit anderen Menschen, sogar mit ihrem Hund. Bettina traut sich seitdem generell mehr, ihre Stimme einzusetzen. Singen wurde zu einem Ort, an dem sie üben konnte, präsent zu sein, ohne dass es gleich reale Konsequenzen hat.
Diese Sicherheit trägt man danach mit raus, so wie Bettina jetzt ins Grenzensetzen und ins Für-sich-Einstehen tut.
Der Chor: wo Bettinas Stimme endlich ihren Platz bekam
Irgendwann reichte ihr das Singen zu Hause nicht mehr. Sie hat sich am Ende von Stimm-Zauber einen Kirchenchor im Nebenort gesucht – modern, mit Gospel, Pop und Rock – und wurde dort, ihren Worten nach, „von der ersten Sekunde an extrem herzlich, fast schon liebevoll aufgenommen.“
Das Wichtigste: Sie ist nicht die alleinige Rampensau vorm Mikro, sondern eine Stimme von vielen, getragen von der Gruppe. Zeigt mal wieder, wie individuell Singen doch sein kann und dass es für jeden das passende Setting gibt.
Schon bald folgte ihr erster großer Auftritt: ein Weihnachtsmarkt in der Stadtkirche, kaum ein Jahr nachdem sie angefangen hatte.
„Ich bin fast tausend Tode gestorben. Aber es war ein mega Erlebnis.“
Heute singt sie im Alt, ohne Angst davor, nicht die Hauptmelodie zu singen. Die Rückmeldung aus dem Chor – „Betty, du kannst so gut singen, du bist voll die Bereicherung“ kann sie inzwischen voll und ganz annehmen.
Was du aus Bettinas Weg mitnehmen kannst
Bettinas Rat an sich selbst vor zwei, drei Jahren, wäre sich zu erlauben sich zu trauen, sich zu überwinden und auf den Weg zu machen. Und zeitgleich fair mit sich zu sein und keine Riesenschritte zu erwarten, sondern „wirklich ein Schritt nach dem anderen zu gehen“.
Die eigene Stimme im Singen zu finden ist ein Sprint, sondern ein Prozess, der Zeit braucht UND auf dem Weg schon richtig Spaß machen darf.
#14 „Ich wäre lieber nackt vom Zehner gesprungen“ – Stille Sängerin Theresa packt aus
#14 „Ich wäre lieber nackt vom Zehner gesprungen“ – Stille Sängerin Theresa packt aus
Podcastfolge hier anhören:
Ich liebe es mit ehemaligen stillen Sängerinnen ins Gespräch zu gehen, mit Kundinnen, die den Sprung gewagt haben, dann bekomme ich jedes Mal aufs Neue den lebenden Beweis dafür, dass Singen so viel mehr ist als reine Technik.
In der aktuellen Folge durfte ich Theresa zu Gast haben. Sie hat vor vor einem Jahr „Stimm-Zauber“ gemacht und anschließend weitere Gesangsstunden bei mir genommen. Jetzt ein halbes Jahr später, treffe ich sie wieder in dieser Podcastfolge.
Wir reisen zurück zu Theresas Gesangsanfängen: Wenn ich sie frage, wann ihr klar wurde, dass sie mehr mit ihrer Stimme machen möchte, gab es nicht DEN einzelnen Wendepunkt. Es war ein Hineinwachsen in den Wunsch mehr mit ihrer Stimme zu machen und das Timing „Stimm-Zauber“ in diesem Moment über den Weg zu laufen.
Lange wusste sie nicht mal, dass man die eigene Stimme und Singen überhaupt trainieren kann – sie dachte, entweder man ist damit gesegnet mit Talent oder eben nicht.
Genau diese Überzeugung begegnet mir bei so vielen von euch. Ein Glück, dass wir sie hinterfragen können! 🙂
Perfektionismus und die Angst vor Bewertung
Theresa wäre lieber nackt vom Zehner-Turm gesprungen, als jemandem einen Ton vorzusingen. Stimme ist etwas ganz Verletzliches und Intimes. Und gleichzeitig hat man trotzdem den Anspruch, dass es von Anfang an einfach fluppen und immer sofort gut klingen muss.
Diese beiden Dinge landen dann im selben Topf: die Verletzlichkeit der eigenen Stimme und der Druck, sofort gut abliefern zu müssen.
Genau das dürfen wir trennen. Stimme ist etwas sehr Persönliches – und gleichzeitig eine Fähigkeit, die man trainieren kann. Erst wenn wir das auch beim Üben auseinanderhalten, um es dann schrittchenweise zu verbinden, wird der Weg leicht und spielerisch statt zäh und schmerzhaft.
Der Aha-Moment: Singen passiert nicht im Hals
Einer der größten Klick-Momente während Stimm-Zauber war für Theresa: „Singen findet nicht im Hals statt, sondern fängt eigentlich bei den Zehen an.“
Der ganze Körper ist unser Resonanzkörper, unser Instrument. Wenn wir uns immer kleiner machen und zusammenziehen, glauben wir mit der Zeit, das wir nur mit Druck beim Hals noch etwas bei unserer Stimme beeinflussen können, – und das klingt dann eng, schief und angestrengt.
Kinder machen es uns vor, was wir eigentlich können: Sie gähnen laut, schreien, drücken sich hemmungslos aus. Genau dieses Hemmungslose und Spielerische verlernen wir als Erwachsene. Und genau das dürfen wir uns beim Singen zurückholen.
Der faire Vergleich & das Drittel Prinzip
Ein großes Aufatmen hat Theresa auch durch das richtige Übungssetting bekommen, z.B. durch Rollenarbeit und verschiedene Haltungen, die wir gezielt trainieren können. Stille Sängerinnen vergleichen sich gern mit Stars und professionellen Sängern, dessen Aufnahme bearbeitet wurde und die Jahrzehnte Training hinter sich haben.
Das ist, als würde man sich als Spaziergängerin mit einem Olympia-Marathonläufer messen. Es ist einfach nicht fair.
Erfolgreiche Sänger arbeiten hart für diese makellosen Ergebnisse. Es ist kein Traum, der einem in den Schoß fällt.
Und dieser nüchterne Boden der Tatsachen kann uns stillen Sängerinnen am Ende die Sicherheit und Motivation zum Üben geben, statt auf der Suche nach der „makellosen“ Stimme zu verzweifeln.
Theresa denkt dabei an das Drittel-Prinzip: Ein Drittel ist richtig gut, ein Drittel mittelmäßig, ein Drittel einfach Mist – und zwar in so ziemlich allem im Leben, nicht nur beim Singen.
Warum sollte es beim Singen anders sein? Wenn man das weiß, nimmt es dem Frust auf der Durststrecke die Schärfe. Wer auf der Durststrecke ist, macht nichts falsch, der ist mittendrin besser und freier beim Singen zu werden.
Singen als Investition in Lebensqualität
Am Ende habe ich Teresa gefragt, was sie einer stillen Sängerin raten würde, die kurz davor steht, sich mehr Raum für ihre Stimme zu nehmen. Ihre Antwort: Go for it.
Wenn es kitzelt, wenn die Neugier immer wieder auftaucht – das ist der Körper, der spricht. Und dem darf man zuhören.
Ihr Fazit, das gleichzeitig ein wunderbarer Leitsatz ist: Singen ist eine Investition in Lebensqualität.
Danke, liebe Theresa, für diese ehrlichen Einblicke.